Das Vergessen- und Verdrängen-Virus

Die Natur hat so ihre Eigenarten: Sie schützt unsere Psyche, indem wir traumatische Ereignisse verdrängen können. Dies gilt aber meist nur für Täter und Dabeistehende, nicht für die Opfer. Bei ihnen schafft es die menschliche Natur nicht, ein Trauma von Terror und Gewalt durch Verdrängen und Vergessen zu bewältigen.

Ähnlich gilt dies für kollektives Trauma: Durch Vergessen und Verdrängen geht eine Gesellschaft in den Alltag zurück, stolpert durch die Welt und ist erstaunt, wie ab und an die Vergangenheit wieder auftaucht. Die Natur hat noch eine weitere Eigenart: Sie deckt Spuren solch traumatischer Orte mit ihrem Pflanzenkleid zu und verwandelt sie zuweilen in kleine Paradiese – wie bei Langenstein im Harzvorland.

Wir wanderten am vergangenen Sonntag auf einem Feldweg zwischen zwei mit Kiefern bewachsenen Höhenzügen. Der Duft von Holunder, der Anblick tief grüner Getreidefelder, das Summen von Hummeln und Insekten in der Luft und der rote Klatschmohn dazwischen als intensiver Farbtupfer, es fehlte nur noch die Musik aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, und wir hätten uns wie in einem Film gefühlt.

Wer aber durch die Zeit reisen könnte, wäre im Sommer 1944 exakt auf diesem Feldweg an ausgemerkelten Gestalten vorbei gelaufen, die auf dem Weg vom Lager in den Zwiebergen zur Sklavenarbeit in Tunneln unter den Thekenbergen waren und dabei Gesundheit und zu Tausenden auch ihr Leben verloren.

Es ist der Kontrast zwischen anrührender landschaftlicher Schönheit und der Erinnerung an Gewaltherrschaft und Terror der Nazis, der die Wanderung zu einer Übung in Vergangenheitsbewältigung macht. Der Augenschein der Landschaft kämpft mit dem kognitiven Teil des Gehirns, der die Schilder am Waldrand entziffert. Das Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge lag versteckt hinter den Höhenzügen aus Sandstein. Die ehemalige Aufsichtsbaracke am Zugang ist heute ein Dokumentationszentrum. Die jetzige Gedenkstätte wurde noch zu DDR-Zeiten eingerichtet und ist sogar die erste ihrer Art in Deutschland.

Lagenstein-Zwieberge war ein Außenlager des KZ Buchenwald, ein Arbeits- und Straflager für Gefangene aus ganz Europa. Heute liegt die Gedenkstätte zwischen Fichtenwald und einer Wiese, die einst die Wohnbaracken und eine Hinrichtungsstätte beherbergten, erneut ein kaum zu fassender Kontrast zwischen lieblicher Natur und unbeschreibbarer Grausamkeit. Wären nicht die Hinweistafeln, der Besucher würde vielleicht sein Pausenbrot auspacken und die Landschaft genießen.

Dieser Ort des Naziterrors liegt in Fußweite zu einem Städtchen, welches eine einzige Idylle ist. Mit Kopfstein gepflasterte Straßen, frühere Höhlenwohnungen im Sandstein – eine Rarität in Deutschland – und sogar ein Barockschloss mit einem baumbestandenen Park.

Wer wohnte zur Nazizeit hier? Heute ist das Schloss Heimstätte für behinderte Jugendliche, die bei unserem Besuch von engagierten Sozialarbeitern liebevoll betreut wurden. Was wäre damals aus ihnen geworden?

Solche Gedanken kamen mir unwillkürlich. Was hätte ich mitbekommen, wäre ich 1944 Bürger Langensteins gewesen. Hätte ich weggeschaut? Hätte ich ein „Jobangebot“ im Lager angenommen? Was machten die Bauern der Umgebung, die wohl im Spätsommer die Ernte auf den Feldern einfuhren? Halfen sie Gefangenen bei der Flucht unter Einsatz ihres eigenen Lebens? Oder versorgten sie zumindest mit Lebensmitteln? Oder schmuggelten ihre Briefe aus dem Lager? Oder dokumentierten die Verbrechen für später? Oder redeten sich ein, das habe wohl alles seine Richtigkeit, der „Staat“ habe halt seine Regeln`? Und überhaupt, es war Krieg und die Bombergeschwader flogen Richtung Magdeburg oder Berlin über den Vorharz hinweg. Stellen sich die heutigen Bürger bei Wahlen solche Fragen?

Für ein Städtchen wie Langenstein muss es eine Herausforderung sein, mit der Geschichte des Lagers in seiner Nachbarschaft umzugehen. Und im Alltag wird nicht täglich Vergangenheit zu bewältigen sein. Wer aber gegen Vergessen angeht, schafft es, sich aus dem Trauma zu befreien und sich selbstbewusst heutigen Aufgaben zu stellen. Wir könnten dann alle von den Langensteinern lernen. Das Engagement des Landes Sachsen-Anhalt und der Stadt Halberstadt zum Erhalt der Gedenkstätte sind jedenfalls ermutigende Zeichen.

Mir gingen viele Fragen durch den Kopf, als wir den Hohlweg am Rand der Thekenberge erreichten. Der Erddamm war kein Produkt der Erosion, sondern von Menschen gemacht: Schutt aus dem Tunnelsystem, in dem Kriegsindustrien versteckt werden sollten.

Ein Rest des Tunnelsystems ist ebenfalls als Dokumentationsraum genutzt, war aber wegen der Pandemie geschlossen.

Auf dem Rückweg zum Parkplatz kam uns am helllichten Nachmittag ein zerzaußter Fuchs entgegen. „Der läuft ab und zu hier herum“, sagte ein Radfahrer im Vorbeifahren. Er schien hungrig zu sein und fürchtete sich nicht vor Menschen, so als wolle er sagen: „Keine Angst Leute. Aus der Vergangenheit könnt Ihr lernen!“

Eine Tagesschau vom 14.5.1010

Gleich live: Grundsteinlegung in Hildesheim

Stellen wir uns die „Tagesschau“ an einem Maitag im Jahr 1010 vor. Die Sendezentrale von Otto-TV ist in Magdeburg und der Moderator begrüßt die Zuschauer mit einem Überblick zur Innenpolitik. Es gab weiter Konflikte und Unstimmigkeiten zwischen seiner Majestät Heinrich II. mit dem Polenkönig an der Ostgrenze des Reiches. Zunehmend spielten auch Handelsinteressen Richtung Asien eine Rolle.

Der Sender schaltet dann zum Auslandskorrespondenten nach Hanoi. Er berichtet über den 36-jährigen Ly Thai To, Herrscher des Reiches Dai Co Viet. Der verlegt seine Residenz in die Festung Thang Long und dokumentiert so seine Machtbasis. Der Korrespondent in Hanoi beschreibt, wie Ly Thai To vom Dorfjungen bis in den Kaiserpalast aufgestiegen sei, durch Leistung und Tapferkeit. Im Hintergrund laufen Bilder vom Ausbau Thang Longs, bevor der Korrespondent, dessen Müdigkeit man dort um 2 Uhr morgens Ortszeit ansieht, zurück gibt an die Sendezentrale in Magdeburg.

Turm über dem Haupttor in Thang Long/Hanoi

Die hat von der Redaktion „Ausland“ eine zweite Schalte vorgesehen, diesmal nach Thanjavur in Südindien. Den Zuschauern im Reich zwischen Rhein und Oder wird erklärt, dass dort feine Stoffe und edle Gewürze gehandelt werden. Der Korrespondent in Thanjavur steht – kurz nach Mitternacht Ortszeit in Indien, dennoch immer noch glühend heiß – vor einem gewaltigen Turm im Innenhof einer Tempelanlage. Die ist von Fackeln hell erleuchtet, man hört Trommeln und Trompeten im Hintergund. Er berichtet über die Festlichkeiten zu deren Einweihung. Seine Majestät Rajaraja I. Chola hatte nach überragenden Erorberungen in Südindien, Sri Lanka und Übersee (Sri Vijaya in Süd-Sumatra) seinem Gott Shiva den größten Tempel seiner Zeit geweiht, mitten im Reisbauland des Kaveri-Deltas. Der Reporter beschreibt die Architektur, die Ausmaße und bemerkt augenzwingernd, mit welcher Anmut Dutzende bildhübscher Tempeltänzerinnnen die Feier begleiteten (die Zensur des Bischofs von Magdeburg erforderte, das die Zuschauer im Heiligen Römischen Reich nur verpixelte Aufnahmen zu sehen bekamen).

Der Moderator in Magdeburg ist sichtlich verlegen, kündigt schnell den nächsten Beitrag in der Sektion „Kultur“ an. Der Sender schaltet live nach Hildesheim, wo an diesem Frühlingsabend in feierlicher Prozession Bauern und Handwerker symbolisch Baumaterial an den Rohbau einer gewaltigen Kirche tragen. Hier auf einer Anhöhe über dem Fluss Innerste legt Bischof Bernward von Hildesheim höchst persönlich den Grundstein für den von ihm mitentworfenen Bau. Der Sender zeigt ein Modell der späteren Kirche, deren Bauzeit auf mindestens zehn Jahre veranschlagt ist.

Bauen können wir auch, kommentiert der Moderator in Magdeburg, bevor die Tagesschau im Mai 1010 mit einem Ausblick auf das Wetter für die Bauern in Mitteleuropa endet. Es bleibt warm und feucht, ideale Bedingungen für eine gute Ernte.

Die Gleichzeitigkeit von globalen Ereignissen, präziser die Berichterstattung darüber, ist für uns heute selbstverständlich. Wir erfahren in 15 Minuten alles Wichtige zwischen Berlin, Washington und Peking. Das Jahr 1010 A.D. ein gutes Beispiel für die Parallelität herausragender kultureller Leistungen. Tatsächlich hat die UNESCO im Jahr 2010 diese drei Tausendjahrfeiern gleichzeitg begangen.

In Abu Dhabi Louvre steht ein Reliquienbehälter aus St. Michael neben Silberarbeiten aus Südamerika und Bronzen aus Ostasien. In dieser „Lizenzausgabe“ des Pariser Originals wird der Besucher durch die Kultur der Jahrhunderte auf allen Erdteilen geführt. Er kann sich so ein Beispiel von parallelen Erungenschaften auf verschiedenen Kontinenten verschaffen.

Dieses Konzept kann sich ein Museum mit schier unbegrenztem Budget leisten. Bei uns wird in Museen oft eine eurozentrische Sicht von Geschichte und Kultur erzeugt. Aber der globale Blick auf historische Prozesse und Kulturgeschichte hilft den Blick für Gleichwertigkeit und Gleichzeitig zu schärfen. Er verhindert nationalen Chauvinismus und kulturelle Überheblichkeit.

1010 ist ein gutes Beispiel dafür. Hätte es doch nur das Fernsehen schon im Hochmittelalter gegeben.

Hattusa und ein Friedensvertrag aus der Bronzezeit

Im Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York ist ein Dokument aus der Bronzezeit zu besichtigen – auf Tontafeln. Es ist die von der Türkei gestiftete Nachbildung des ersten schriftlich festgehaltenen Friedensvertrages der Menschheit, der Vertrag von Kadesh aus dem Jahr 1259 v. Chr. Die zwei Großmächte im Nahen Osten in jener Zeit, das ägyptische Reich unter Ramses II. und das Hethiterreich unter Hattusili III., vereinbarten ein Ende der langen Kämpfe, die Festlegung der Grenze am Fluss Orontes im heutigen Syrien sowie den friedlichen Austausch von Waren.

UN-Hauptquartier in New York

Gefunden wurde das Dokument 1906 bei Ausgrabungen deutscher Archäologen in Hattusa, der Hauptstadt der Hethiter beim heutigen Bogazkale in den Bergen Anatoliens.

Die Existenz eines hethitischen Reiches in der Bronzezeit war bis Ende des 19. Jhds. völlig unbekannt. Umso bemerkenswerter, was man bei Ausgrabungen in Hattusa an Kunstgegenständen und Tontafel-Dokumenten fand. Man muss aber nicht in die entlegene Berglandschaft Anatoliens reisen, um die Zivilisation der Hethiter kennen zu lernen. Im Museum für anatolische Zivilisationen in Ankara sind die Fundstücke aus Hattusa ausgestellt. Das Museum nahe der alten Zitadelle, auch Hethtitermuseum genannt, ist eines der bedeutendsten Museen der Türkei. Auf seiner Webseite kann man die Ausstellungen virtuell begehen.

Der Vertrag von Kadesh, über den auch Inschriften an Bauten von Pharao Ramses II. im Niltal berichten, war wohl auch eine Notwendigkeit am Ende zermürbender Feldzüge im Nahen Osten. Ägypten sah sich mit dem Auszug der Israeliten konfrontiert, an der Westgrenze des Hethiterreiches tobte der Trojanische Krieg.

Wirtschaftlich aber waren die Groß- und Handelsmächte des östlichen Mittelmeerraums eng verflochten. Schiffe transportierten Waren zwischen den Küsten der Levante, Kleinasiens, der Nilmündung und der Ägäis. Händler aus Kreta und Mykene waren unterwegs im heutigen Syrien und Libanon.

Nur 50 Jahre nach dem Friedensvertrag brach die Ordnung in einem jahrelangen Prozess zusammen. Der amerikanische Autor Eric H. Cline analysiert in seinem Buch „1177 B.C.: The Year Civilization Collapsed“ diesen Prozess und seine Ursachen: Völkerwanderungen, eine Serie von Erdbeben und Klimawandel. Die Hethiter verschwanden und nach 1000 v. Chr. entstanden neue Mächte: Phönizier, Parther/Perser, die Stadtstaaten Griechenlands, das Israel unter Salomon und andere.

Ein Besuch in Hattusa ist in der Tat eine Fahrt in eine gottverlassene Gegend. Wir fuhren mit dem Auto von Kappadokien aus durch die kahlen Höhen und Flusstäler nach Norden. Von einem Zugangstor aus kann man das Gelände im Auto abfahren, genauer man muss. Denn Hattusa erstreckt sich weitläufig über einen Talkessel und umliegend Höhen, umgeben von karger Felsslandschaft. Ein Stück Stadtmauer ist rekonstruiert. Bei unserem Besuch weideten dort Kühe und Frauen suchten frisches Gras für die Ziegen.

Reste der einstigen Hethiterhauptstadt bei Bogazkale (Türkei)

 Am südlichen Stadtrand auf dem Höhenzug fand sich das Löwentor, weiter östlich das Sphinxtor. Alle Bauten wirken grobschlächtig gebaut, passend zur rauhen Umgebung. Bei unserem Besuch Anfang April wehte ein kalter Wind über die Höhen.

Man mag sich kaum vorstellen, dass hier die Kapitale eines Reiches war, welches vom heutigen Antakya bis an die Schwarzmeerküste reichte. Ein kleiner Video-Clip gibt vielleicht atmosphärisch mehr wieder.

Im Museum in Ankara gewinnt die kulturelle Leistung der Hethiter stärker Gewicht. Aber ein Besuch in Bogazkale vermittelt einen geographischen Eindruck von Staat und Kapitale der Hethiter, den ein Museum allein nicht ersetzen kann. Der Gegensatz zweier bronzezeitlicher Mächte, die eine im Hochland Anatoliens, die andere im milden Klima des Niltals, wird hier besonders deutlich.

Wolfenbüttel: zwei Erinnerungen

Im niedersächsischen Wolfenbüttel wirkte Gotthold Ephraim Lessing in den letzten zehn Jahren seines Lebens als Bibliothekar. In seiner Dienstwohnung zwischen Schloss und der Herzog-August-Bibliothek, schrieb er das Ideendrama Nathan der Weise. Mit Lessing war Wolfenbüttel im späten 18. Jahrhundert ein Zentrum des deutschen Humanismus.

Am anderen Ende der Altstadt liegt die JVA Wolfenbüttel, in einem Gebäudekomplex, der noch aus dem 19. Jahrhundert stammt. Mitten in der Fachwerkidylle der Kleinstadt befand sich hier zwischen 1937 und 1945 eine zentrale Hinrichtungsstätte der Nazidiktatur. Vom Ort des Lessing’schen Geistes zur Barbarei des Naziregimes sind es nur eine Viertelstunde Fußweg, aber er versinnbildlicht den tiefen Fall unseres Landes vom Aufklärungsideal zur Unmenschlichkeit.

Modell des Gefängnisses in der Gedenkstätte Wolfenbüttel

Es ist der Initiative vieler Einzelner zu verdanken, dass im November 2019 an der einstigen Hinrichtungsstätte eine öffentlich zugänglicher Gedenk- und Dokumentationsort am Rand des Gefängnisses entstanden ist. Wolfenbüttel und die Initiatoren der Gedenkstätte haben so einen wichtigen Beitrag zur Erinnernung an eine Zeit geleistet, die heute gern übersehen oder gar geleugnet wird.

Bis 1945 fanden hier mindestens 526 Frauen und Männer den Tod durch die Guillotine. Eine Ausstellung dokumentiert das Schicksal der Opfer aus vielen Ländern Europas und beleuchtet die Täter, die kollaborierende Justiz der Naziherrschaft.

Im Lessinghaus hingegen atmet der kritische Geist eines unbequemen Zeitgenossen des 18. Jahrhunderts. Lessing war froh, endlich ein Einkommen und eine ihn beflügelnde Tätigkeit als Bibliothekar an der Bibliothek des Wolfenbütteler Fürsten gefunden zu haben.

Lesssings Wohnhaus in Wolfenbüttel

Beide Erinnerungen, die der Terrorherrschaft und die der Aufklärung, sind Bestandteil unserer Vergangenheit. Für beide bedarf es eine kontinierliche Aufarbeitung und Weitervermittlung an die jüngere Generation.

An jedem Dienstag in der Karwoche findet ein ökumenisches Gebet in den Kirchen Wolfenbüttels statt, mit dem an das Schicksal der Hingerichteten erinnert wird. So auch dieses Jahr in der St. Petrus-Kirche, gestaltet von der Kolpingsfamilie, der örtlichen Sektion von Amnesty International und Vertretern der Gedenkstätte Wolfenbüttel.

Ökumenisches Gebet in St. Petrus, März 2021

Kerzen auf dem Altartisch erinnerten an die Opfer, vier einzelne Schicksale wurden vorgestellt und ihre letzten Nachrichten an Familien und Verwandten vorgelesen. Das in der Karwoche verhängte Kreuz im Altarraum wirkte als eindringliche Mahnung, den Tod dieser Menschen nicht vergeblich werden zu lassen.

Umweltdesaster: Gletscherabbruch im Himalaya

The Washington Post 20 February 2021

An einem der Nebenflüsse des Ganges im indischen Himalaya hat es am 6. Februar 2021 einen katastrophalen Gletscherabbruch gegeben, der vermutlich mehr als 200 Todesopfer forderte. Solche Ereignisse werden seit Jahren von Geomorphologen, Glazialkundlern und regionalen Experten der Himalaya-Region vorausgesagt.

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Der Himalaya ist ein junges Gebirge. Er wächst immer noch, hervorgerufen durch die Plattentektonik in Südasien. Gleichzeitig bewirken die Niederschläge des Monsuns weitreichende Erosion. Die Täler sind tief eingeschnitten und nur unter großem technischen Aufwand zur Bewirtschaftung und für Infrastruktur zu nutzen.

Die Göttinger Geographin Lasafam Iturrizaga stellt schon im Heft 4/2012 der Zeitschrift Geographische Rundschau fest: „Bevölkerungsdruck und die resultierende Besiedlung von marginalen Standorten gelten als Kriterium  für das zunehmende Gefahrenpotential (im Himalaya). Alle Staaten  der Region verzeichnen eine Bevölkerungszunahme, allerdings sind Gebirgsdörfer durchaus auch von Abwanderung bis hin zur gänzlichen Siedlungsaufgabe betroffen.

Demgegenüber steht der Trend der touristischen Erschließung der Höhenzonen
über 4000 m, insbesondere in Regionen, in denen sich ausbruchsgefährdete Gletscherseen befinden… .Die Schadensbilanzen von Gletscherseeausbrüchen zeigen, dass weniger die traditionellen Siedlungsstandorte und deren Bewohner betroffen sind, als vielmehr neu angelegte Wasserkraftwerke und Infrastruktureinrichtungen.“

Und im selben Heft der GR schreibt Susanne Schmidt, Geographin an der Uni Heidelberg: „Im monsunal geprägten Himalya, wo ein Großteil des Niederschlages im Sommer fällt … reagieren die Gletscher besonders sensitiv auf Temperaturerhöhungen, da der Schneedeckenaufbau nahe dem Gefrierpunkt und somit der Anteil flüssigen Niederschlages bei bereits leicht steigenden Temperaturen signifikant erhöht wird.“ Die Gletscher gehen nicht nur zurück, sie werden instabil.

In einr ausführlichen Analyse zur Tragödie in Uttarakhand schreibt der britische The Guardian vom 8.2.2021: Während einige sagten, der Vorfall zeige die wachsenden Auswirkungen der Klimakrise – eine Umfrage aus dem Jahr 2019 ergab, dass die Himalaya-Gletscher mit „alarmierender Geschwindigkeit“ schmelzen – haben lokale Aktivisten und Schriftsteller auch den intensiven Bau von Dämmen und Wasserkraftinfrastruktur entlang der Flüsse und Gebiete von Uttarakhand verantwortlich gemacht. …  Allein im Bundesstaat Uttarakhand gibt es 550 Staudämme und Wasserkraftprojekte. 152 große Staudämme wurden gebaut oder befinden sich im Bau.

Und weiter schreibt der GUARDIAN: In dem von der Sturzflut am Sonntag betroffenen Gebiet gibt es 58 Wasserkraftprojekte entlang der Flüsse und ihrer Nebenflüsse. In die Berge hinein wird auch eine neue Straße gebaut, um den Touristen den Zugang zum berühmten Kedarnath-Tempel von Uttarakhand zu erleichtern, bei dem in die Felsen gesprengt und Schlamm und Schutt ins Wasser geworfen wurden. Die Geologin Dwarika Dobhal vom Wadia-Institut für Himalaya-Geologie hat eine andere Theorie als die Behörden zu den Ursachen der Überschwemmung und sagte, sie glaube, es sei eine Lawine, kein Gletscherabbruch, die wahrscheinlich die Überschwemmung verursacht habe. Vermutlich sei in den letzten Wochen im Fluss stromaufwärts eine Trümmerblockade aufgetreten sei, die zur Bildung eines Sees geführt habe. Eine Lawine hatte dann „dazu geführt, dass dieser See brach und das Wasser mit hoher Geschwindigkeit das Tal hinunterfloss“. „Der Klimawandel wird diese Ereignisse häufiger machen“, sagte Dobhal. Für die lokale Gemeinde in Uttarakhand riefen die Überschwemmungen traumatische Erinnerungen an die Kedarnath-Katastrophe von 2013 hervor, als ein mehrtägiger Wolkenbruch zu Erdrutschen und Überschwemmungen entlang Dutzender Flüsse führte und fast 6.000 Menschen ihr Leben verloren.

Nach Kedarnath stoppte der Oberste Gerichtshof die Freigabe aller Staudammprojekte im Staat, und ein Expertenausschuss kam später zu dem Schluss, dass die großen Staudämme eine Rolle bei der Verschärfung der Katastrophe spielten. Der lokale Aktivist Vimal Bhai von der Umwelt-NGO Matu Jansangthan arbeitet seit 33 Jahren an den Flüssen von Uttarakhand und war Teil des Kampfes gegen den Bau neuer Staudämme im Staat nach der Katastrophe von Kedarnath im Jahr 2013. „Wir haben jahrelang gesagt, wie diese riesigen Infrastrukturprojekte das Gebiet anfälliger und gefährlicher machen, aber niemand hat uns zugehört“, sagte Bhai. „Und jetzt ist wieder dasselbe passiert. Warum wird die Regierung nicht die Lehren aus der Vergangenheit ziehen?“

Glacier Burst and Climate Change. THE HINDU online, 7 Feb. 2021

Nanda Devi Glacier Burst and the Dhauli Ganga water level. THE HINDU online, 7 Feb. 2021

Bericht zur Katastrophe in Uttarakhand. THE GUARDIAN 8.2.2021

„Dams and damages“ (Comment). THE HINDU online, 10th February 2021

When the mountains had a melt down in Uttarkhand. THE HINDU online, 20th February 20221

Florida – Trump-Country?


Der Loser von 2020 hat sich nach Florida zurückgezogen. Der Staat hatte ihm 29 Stimmen im Electoral College geschenkt, bei nur und 51,2 % aller für den Republikaner abgegebenen Stimmen. Aber bem Winner takes all-System der USA kann man leicht übersehen, dass es innerhalb der Bundesstaaten regionale Unterschiede gibt.

Wahlergebnisse 2020 nach counties

Der Mar-a-Lago Club liegt auf einer Landzunge vor der Küste im Palm Beach County: Hier führte der demokratische Kandidat mit 56,1 % der Stimmen, im südlich benachbarten Broward County erhielt Biden sogar zwei Drittel aller Stimmen. Home sweet home. Der ländliche Raum des Bundesstaates aber ist republikanisch, wie überall in den USA.

Florida stand für uns in den 1990er Jahren für „Flipper“, „Golden Girls“ und „Miami Vice“. Stretched limousines, Strände, The Magic Kingdom, der Weltraumbahnhof Cape Caneveral und die Everglades machten den Bundesstaat zum bevorzugten Reiseziel vieler europäischer Touristen (ein Freund aus Massachusetts konnte das nicht verstehen: „Who on earth goes to Florida?“ fragte er einmal verwundert).

Startrampe für ein Space Shuttle

Wir mieteten uns die größten Autos, die es gab (Towncar oder Mustang) und genossen die Fahrten über die Interstates zwischen Atlantik und Golf von Mexiko.

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Aber das Bild bröckelte, als ich Philip und seine Familie kennen lernte. Phil war ein humorvoller Typ, stämmig, mit Schnautzer und Baseball-Mütze. Er arbeitete als Lastwagenfahrer für eine Entsorgungsfirma („My Dad ist a garbarge truck driver„, meinte sein damals fünfjähriger Sohn). Seine Frau Leslie half zeitweise ihrer Mutter in einer Bar an der country road. Mit Phil hatte sie zwei kleine Jungs, einen älteren hatte sie aus erster Ehe mitgebracht. Das Paar besaß ein Haus am Rand von Fort Meade, Polk County (hier erhielt Trump 56,7 % der Stimmen), etwa 60 km östlich von Tampa.

Die drei Jungs waren Phils ganzer Stolz. Der Mittlere, Cody, gewann einmal den Spelling Bee contest. Im Garten stand ein Riesengrill. Phil fragtre viel und beklagte sich, dass die Familie seiner Frau republikanisch wählte und andauernd Fox News schaue. Seine Familie hingegen war liberaler und wohnte in Winter Haven weiter nördlich Richtung Orlando gelegen. Wir sprachen über Waffengesetze, Phil hatte einen ganzen Waffenschrank. „Braucht man hier, wegen der Gators“, meinte er lakonisch. Alligatoren waren tatsächlich in jedem Wassergraben zu finden.

Wir sprachen über Geld, Arbeitszeit (er konnte es nicht glauben, dass wir einfach mal für eine Woche nach Florida kamen, in bezahltem Urlaub) und Arbeitnehmerrechte. Florida sei ein Right to work state. Was gut klingt, verbirgt, dass dahinter eine Einschränkung  gewerkschaftlicher Organisation steht. Du hast das Recht zu arbeiten, musste aber nicht, wenn es Dir nicht passt! So kamen bei Phil regelmäßig unbezahlte Überstunden zusammen, bei max. zwei Wochen Urlaub im Jahr (Krankheitstage einbezogen).

Und schon sahen die gepflegten Gärten und lawns, die gated communities und die ‚no tresspassing‘-Schilder an den Stränden ganz anders aus.

Nur sechs Wochen nach 9/11 flogen wir in einer leeren Maschine der frisch insolventen Swissair nach Miami. Die Situation war gespenstisch, am Flughafen Militär und Panzerwagen an jeder Ecke. Wir besuchten die Familie in Fort Meade, wie alle Amerikaner waren sie und ihre Freunde sichtlich geschockt von den Angriffen in New York. Phil lud uns abends in die Bar seiner Schwiegermutter im Nachbarort ein, wo die Rednecks mit der „Rebel flag“ feierten, wie er sagte. Das kam uns damals noch recht rustikal und authentisch vor, zumal alle super freundlich zu uns waren. Es gab Karaoke. Phil war ein guter Sänger und ging auf die Bühne – „for a patriotic song“, wie er sich entschuldigte. Hinter ihm lief der Film mit patriotischem Bildern ab, irgendwie ging der Refrain „for ever USA„. In den stimmten alle ein.

Es war berührend und zugleich beklemmend, wie hier die nach unseren Maßstäben Armen (aus der weißen Mittelschicht, zu der sich Phil zählte) in einem Schuppen an der Landstraße im Süden Floridas ihr Land feierten. 15 Jahre später wählten sie einen Reality Star aus New York ins Weiße Haus. F$$ck!

Trump A Florida Man. Washington Post 21 January 2021

Frauenpower: das Fest der Durga

In einem Durga-Pandal in Calcutta

In Nordostindien, vor allem in der Metropole Calcutta, liegt das Gute in den Händen einer Frau. Sie heißt Durga und ist die Hauptgöttin der bengalischen Hindus. Durga besiegte einen üblen Dämonen. Der konnte sich in allerlei furchterregende Tiere verwandeln, aber das hielt die Göttin nicht ab, ihn schließlich als Büffel zu töten. So siegte das Gute über das Böse, in welcher Gestalt auch immer es auftritt.

Ende Oktober eines jeden Jahres verwandeln sich Stadt und Land am Unterlauf von Ganges und Brahmaputra in ein einziges über zehn Tage dauerndes Fest (in Sanskrit puja, wörtlich „Ehrerweisung“). Es ist eine Mischung aus Weihnachtsmarkt und Erntedankfest: Es wird gut gegessen, gefeiert, Verwandte werden besucht und alle konkurrieren um den schönsten Durga-Altar. Familien untereinander, Nachbarschaften, ja ganze Dörfer und Städte. Dazu werden aufwendige provisorische Tempel gebaut, Zelte oder Holzkonstruktionen mit Dekorationen aus Stoff und Papier. Im Mittelpunkt stehen Tonfiguren der mächtigen Göttin, die bemalt und mit festlicher Kleidung ausgestattet sind. In den Straßen Calcuttas gibt es solche Durga-Pandals an jeder Ecke. Dazu Essenstände, Karussels und Straßenmusikanten.

Die Figuren der Göttin werden am letzten Tag des Festes in Prozessionen zum Hooghli-Flussufer gebracht und dort dem Wasser übergeben, frei nach dem Motto: „Aus den Sedimenten des Flusses wurdest du erschaffen, dem Fluss geben wir dich zurück“.

Tatsächlich gibt es eine Nachbarschaft in der bengalischen Großstadt, die ausschließlich von der Erzeugung der Tonfiguren lebt und diese Tradition über lange Zeit weitergegeben hat.

Durga und ihr jährliches Fest sind eine identitätsstiftende Angelegenheit in Westbengalen. Ähnlich wie Meenakshi in Südindien oder Ganesh in Bombay so haben die Göttinnen und Götter in Indien auch immer regionale Verkörperungen. Ein Besucher des Subkontinents verliert leicht den Überblick, zumal die dazu gehörigen Geschichten aus dem Hindumythos komplizierte Handlungen mit wechselnden Reinkarnationen der Gottheiten enthalten. 

Im Corona-Jahr 2020 ist auch die Durga-Puja anders: Zwar gibt es die Pandals. Aber sie dürfen von Besuchern nicht betreten werden, da der sichere Abstand nicht gewährleistet werden kann. Die indische Presse berichtet, dass sich kaum jemand an die Vorgaben der Behörden hält, zumal Calcutta die am dichtest besiedelte Stadt der Erde ist – Abstand halten ist hier schon im Alltag unmöglich. Aber man mag auch bezweifeln, ob Polizisten oder Ordnungshüter selbst von der Regelung überzeugt sind. Zu tief ist der Glaube an die Macht der Durga in den Bengalis verwurzelt. Sie werde wohl auch, wie der britische GUARDIAN schreibt, mit dem Dämon Corona fertig werden.

Weitere Informationsquellen:

Coronavirus und Durga Puja (engl). THE HINDU online, 22.10.2020

Coronavirus und Durga Puja (engl). THE GUARDIAN online, 22.10.2020

Bhasan Char – eine Sandbank für Flüchtlinge

Man stelle sich vor: Dein Dorf wird von Banditen abgebrannt, möglicherweise im Auftrag von Behörden. Du kannst mit Familie und etwas Hab und Gut in das Nachbarland fliehen, zu Fuß durch Schlamm und ein Flussbett. Zum Glück ist die Grenze nur wenige Dutzend Kilometer entfernt. Auf einem schmalen Landstreifen zwischen Landesgrenze und Meer lassen sich mehrere hundertausend Mitfliehende nieder. In wenigen Wochen entsteht eine Siedlung mit der Einwohnerzahl von Frankfurt am Main.

Das Gastland ist schon mit dem Wohlergehen seiner 150 Millionen Einwohner ausgelastet, wenn nicht überfordert. Den Flüchtlingen können daher nur internationale Hilfsorganisationen beistehen. Der Zufluchtsort liegt in einem entfernten, peripheren Teil des Landes. Zum Glück gibt es einen Flughafen und einen Seehafen nicht sehr weit entfernt.

Die internationale Diplomatie arbeitet an vielen Fronten: die Schuldigen für die Fluchtbewegung zu identifizieren, die Hilfe zu koordinieren und auf multilateraler Ebene mit der Regierung des Landes, aus welchem die Menschen geflohen sind, über eine Rückkehr zu verhandeln.

So geschehen mit den Rohingyias aus Myanmar, die vor drei Jahren nach Bangladesh geflohen waren. Aber internationale Verträge hin oder her, die Angst der Flüchtlinge vor einer Rückkehr und das Trauma der Vertreibung ist größer als die Furcht vor einem Leben in Lagern. Dennoch wird das Provisorium nicht nachhaltig sein können: Infrastruktur und Jobangebote fehlen ebenso, wie adäquate Bildungseinrichtungen. Die Gesundheitsversorgung in den Lagern kann bestenfalls notdürftig sein.

Die Insellösung

Dann kam irgendjemand auf die Idee, aus dem Provisorium einen Dauerzustand zu machen, Geld spielt dabei keine Rolle. Wenn nur die Flüchtlinge vor Ort versorgt sind – und dort bleiben.

 

Bangladesh liegt in einer Weltregion, die kartographisch jedes Jahr neu vermessen werden müsste. Die ungeheuren Wassermassen des Monsuns und der drei Riesenströme, die im Land zusammentreffen und das größte Delta der Erde bilden, formen das Land immer wieder neu: Flussufer samt Feldern und Dörfern verschwinden, neue Inseln entstehen. Am Ende der Erosionskette lagern die Sedimente sich in neuen Inseln aus feinstem Schlick ab, fruchtbar ohne Ende, aber auch fragil ohne Ende. Sie erheben sich nur weniger Dezimeter, vielleicht einen guten Meter aus dem Golf von Bengalen.

Genau hier, auf Bhasan Char, einer der jüngsten Schlickinseln im Delta, sollen die Flüchtlinge aus Myanmar angesiedelt werden. Buchstäblich aus dem Schlamm wurde in zwei Jahren eine ganze Stadt gestampft. Satellitenbilder zeigen die Bebauung wie ein Mosaik, inzwischen sogar mit Solarzellen auf den Dächern. Klingt gut, auch für die meisten Menschen in Bangladesh, für die eine Bambushütte die Standardwohnung ist. Aber man sollte genauer hinschauen.

In den späten 1980er Jahren wurde Bangladesh in der gerade beginnenden „Klimawandel“-Diskussion als Kronzeuge für die Vulnerabilität hunderter Millionen Menschen bei steigendem Meeresspiegel und zunehmenderen Wetterkatastrophen benannt. Dabei waren die Menschen im Ganges-Brahmaputra-Delta wesentlich resilienter als gedacht. Aus jahrhundertelanger Erfahrung: die Besiedlung und Bewirtschaftung einer so gefährlichen, aber mit unendlicher Fruchtbarkeit ausgestatteten Region war immer ein Risiko. Überschwemmungen und Zyklone aus dem Golf von Bengalen nichts Unbekanntes. Zwar haben starkes Bevölkerungswachstum und objektiv zunehmendere Gefährdungen durch Ersoion und Zyklone die Verwundbarkeit von Bangladesh erhöht, aber mit technischen Maßnahmen wie Frühwarnsystemen, Evakuierungsplänen und Familienplanung ließen sich diese Gefahren zumindest begrenzen (Neudeutsch: mitigieren).

Auf Bhasan Char soll den Rohingyias alles geboten werden, was „moderne“ Flüchtlingspolitik hergibt (Moria lässt grüßen). Ein solides Dach über dem Kopf und sogar erhöhte Gebäude als Zufluchtsort bei Stürmen. Ein Graben umgibt die Siedlung. Aber all dies nur wenige Dezimeter über dem Meeresspiegel? Wir diskutieren gerade Anstiege von mehr als einem Meter in kürzester Zeit  – von Bhasan Char bis zur Antarktis kann man eine gerade Linie durchs Wasser ziehen!

Die Lage der Rohingyias, in Pandemiezeiten sowieso unter „ferner liefen“, zeigt, wie überfordert die Menschheit mit Krisen wie der in Myanmar ist. Das ist kein Vorwurf, sondern eine nüchterne Feststellung. Unsere Empathie hat Grenzen, die beginnen schon auf Lesbos. Und alles Geld der Welt kann nicht bewegen, was eine vertrauensvolle, gerechte, transparente Politik leisten könnte.

Die ist in weit entfernten Regionen, in denen diktatorische oder mit zweifelhafter Legitimität ausgestattete Regime die Oberhand haben, nicht absehbar. Aktueller Populismus und „My Country First“ tragen ein Übriges dazu bei, Grenzen buchstäblich zu befestigen und den Blick abzuwenden. Pech für die Opfer.

Langfristige Lösungen oder doch Zynismus?

Tatsächlich gibt es schnelle Lösungskonzepte für die Krisen dieser Welt nicht. Schnell geht nur Bhasan Char. Militärische Interventionen, wie 2001 (Afghanistan) oder 2003 (Irak), haben nur noch mehr Unheil angerichtet. Andererseits, interne Milizen stellvertretend an die Front zu schicken, wie ab 2011 in Syrien oder Libyen, haben jene Länder zerstört und wiederrum eine Flüchtlingswelle ausgelöst.

Die Lösungen liegen auf dem Tisch: massiver wirtschaftlicher Druck, Ächtung von Waffenhandel und Kontrolle illegaler Finanzströme. Banker, Waffenproduzenten, Aufsichtsbehörden, strenge Gesetze und internationale Kooperation von Politik und Zivilgesellschaft können Krisen frühzeitig erkennen und moderierend eingreifen. Das wäre eine auf Jahrzehnte angelegte Strategie, die Geduld und Zähigkeit erfordert. Aber wer hat die schon in einer atemlosen Mediengesellschaft, bei der Krisen bestes Mittel sind, um über Clicks die Werbeeinnahmen zu steigern.

Wir werden ganz sicher von den Menschen auf Bhasan Char noch hören.

Weitere Informationen:

Human Rights Watch online, 14 March 2019

http://xchange.org/rohingya-refugees-in-bangladesh-the-bhasan-char-relocation-project/

Dhaka Tribune online, 3 March 2019

Relocating Refugees (with video). The Hindu online, 18 December 2020

Inside the controversial refugee camp. THE GUARDIAN online 11 January 2021

 

Bengalen: Leben und Tod und Leben

Wo der Ganges in das Meer mündet und der Kreislauf des Wassers erneut beginnt, liegen Vergänglichkeit und Neubeginn eng beieinander. Vom Golf von Bengalen steigen die Wassertröpfchen auf und werden vom Monsun gegen den Himalaya getragen. Dort regnen sie sich aus und füllen die Schluchten, in denen Indiens heilige Flüsse der Ebene entgegen rauschen. Die Flüsse nehmen enorme Menge an Schwebfracht mit und lagern diesen fruchtbaren Schlamm am Unterlauf und in der Mündung ab. Hier bilden sie flache Inseln mit enorm fruchtbarem Boden.

So viel zur Mythologie und zur Geographie Nordindiens. Genau dieser dicht besiedelte Küstenbogen am Nordrand des Golfs von Bengalen erfährt in der Wirbelsturm-Saison eine tödliche Bedrohung. Die berüchtigten Bengalen-Zyklone treffen irgendwo zwischen Puri im indischen Orissa und dem Hafen Chittagong in Bangladesh auf die Küste. Anfang Mai 1991 starben dort nach einem solchen Zyklon fast 150.000 Menschen.

Derzeit (20. Mai 2020) bewegt sich wieder ein Super-Zyklon auf die Küste Westbengalens und das Ganges-Delta zu. „Amphan“ ist der erste der Saison 2020. Er soll bei Digha auf Land treffen und zudem gewaltige Mengen an Niederschlag bis weit ins Landesinnere bringen. Davon wird auch die 10-Millionen-Metropole Kalkutta betroffen sein.

Zyklon Amphan, 18. Mai 2020
Quelle: NOAA.gov

Seit dem Zyklon von 1991 haben sich sich Vorwarn- und Evakuierungssysteme erheblich verbessert. „Cyclone Shelters“ sind überall an der Küste entstanden, Sirenen fordern die Menschen auf, sich dorthin zu begeben. Seitdem hat es keine annähernd so große Katastrophe mehr gegeben. Einzig die Mangroven des Sunderban-Nationalparks schützen die dahinter liegenden intensiv genutzten Reislandschaften.

Die Insel Ganga Sagar spielt im Hinduismus eine besondere Rolle, beginnt doch hier der Kreislauf des Lebens symbolisch wie der des Wassers erneut. Hier am Ostufer der Hughli-Mündung, dem Hauptarm des Ganges, trifft „Amphan“ in den kommenden 24 Stunden aufs Land. Ich habe im August 2017 diese Insel besucht, Fotos und Video-Clip stammen aus dieser Zeit.

Status und Update, 21.5.2020:

Trail of destruction. Aljazeera.com 21 May 2020

Source: dhakatribune.com, Dhaka (Bangladesh)

Live updates. CNN.com 21 May 2020

Amphan Havoc in Kolkata, THE HINDU online, 20 May 2020

Status und Updates, 20.5.2020:

Landfall von „Amphan“. Zoom Earth 20. Mai 2020

Landfall von „Amphan“. SPIEGEL online 20. Mai 2020

https://www.thestatesman.com/india/live-cyclone-amphan-to-hit-bengal-by-late-evening-odisha-sees-heavy-rains-strong-winds-kolkata-airport-shut-1502890544.html

NDTV live 20.5.2020 

Cyclone Amphan. CNN.com 20 May 2020

Status und Updates, 19.5.2020:

Evacuations in India. Aljazeera.com 19.5.2020

Webseite des Fernsehsenders NDTV, 19.5.2020

 

Status und Updates, 18.5.2020:

Cyclone Amphan, CNN.com 18. Mai 2020

Live update, Cyclone Amphan,THE HINDU online 18. Mai 2020

Cyclone Amphan to bring heavy rainfall in West Bengal on 20 May

https://www.nesdis.noaa.gov/sites/default/files/20200518_amphan-himavis-b.gif
„Amphan“ am 18. Mai 2020 Foto: NOAA

Pfarrer Müller: von den Nazis zum Tode verurteilt

Wir stolpern immer wieder über unsere Geschichte. Diesmal ganz unscheinbar in der kleinen katholischen Pfarrkirche St. Peter und Paul in Heiningen (Landkreis Wolfenbüttel). Unser Pfarrbrief zu Ostern 2020 hatte uns darauf hingewesen. An diesem sonnigen Karsamstag sind wir hingefahren.

Man betritt die Kirche durch einen Seiteneingang, hinter dem Pfarrhaus. Schon von draußen sehen wir brennende Kerzen. Neben dem Altar ist eine Figurengruppe aufgebaut: Christus im Grab, umgeben von Engeln und Blumenschmuck.

Das ist Tradition hier in Heiningen, an jedem Karsamstag kommen dazu Besucher in die kleine, aber trutzige „stilreine romanische Basilika“ aus dem 12. Jhdt.

Pfarrer Josef Müller (1894-1944)

So war es auch Karsamstag im Jahr 1943. Pfarrer Josef Müller, seit 1937 Pfarrer der Gemeinde St. Peter und Paul und ein erklärter Gegner des Naziregimes, hatte auch in diesem Kriegsjahr die Figurengruppe geschmückt. Es war das letzte Mal. Im Sommer 1943 übernahm er die Pfarrstelle in Groß-Düngen nahe Bad Salzdetfurth. Dort wurde ihm eine unbedachte Äußerung zum Verhängnis. Von der Gestapo in Hildesheim verhört lies man aber zunächst wieder frei. Im Mai 1944 wurde er auf Drängen der NSDAP-Ortsgruppe Groß-Düngen erneut verhaftet und nach Berlin überstellt.

Der Volksgerichtshof unter dem Vorsitz von Roland Freisler machte ihm den Prozess wegen Hochverrat und Zersetzung der Jugend. Das Urteil: Tod durch Schaffot. Am 11. September 1944 wurde Pfarrer Müller, damals 50 Jahre alt, im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet. (Am Urteil in Berlin war im Übrigen auch ein Mann beteiligt, der später noch Richter in der Bundesrepublik wurde.)

Das Beispiel von Pfarrer Müller zeigt, wie gefährdet sich das Regime durch mutige Menschen überall im Land sah. Müller war kein Anarchist, keiner, der einer  Untergrundorganisation angehörte oder parteipolitisch organisiert war. Er füllte einzig das von ihm gewählte Amt mit der Verantwortung aus, die ihm innewohnte. Das bis zur letzten Konsequenz.

Der Fall Müller zeigt wohl auch, dass ohne Denunziation und Kollaboration das Regime nicht so wirkungsvoll hätte sein können. Seine Gemeinde in Heiningen jedenfalls hatte ihn über die sechs Jahre dort nicht verraten.

In St. Peter und Paul gibt es eine Reliefserie an der südlichen Kirchenwand. Hier sind die Kreuzwegstationen dargestellt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Verrat und Todesurteil nicht nur vor zweitausend Jahren aktuell waren. Für seine Überzeugung zu sterben, diesen Todesmut zeigen nur wenige Menschen.

 

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In der Kirche von Heiningen und oberhalb des Ortes an einer Gedenkstätte für getötete osteuropäische Zwangsarbeiter findet man Spuren einer Terrorherrschaft, der sich unser Land vor wenig mehr als 80 Jahren wissentlich ausgesetzt hat und deren Folgen noch heute das kollektive Bewusstsein prägen (oder wenigstens prägen sollten). Wir tragen jetzt alle Verantwortung, dass sich das nicht wiederholt.

Nachtrag am 21. März 2021:

Wir waren heute auf den Spuren Pfarrer Müllers in Groß Düngen. Dort fanden wir auch sein Grab und eine Gedenkecke in der Kirche seiner Pfarrerei.

Weitere Informationen:

zu St. Peter und Paul, Heiningen bei Wikipedia

Pfarrer Joseph Müller bei Wikipedia 

Katholische Kirche und Zweiter Weltkrieg. ZEIT online 30.4.2020