Faschismus in Russland

Das Foto oben wurde aufgenommen an einer Straße in Chennai, Tamil Nadu (Indien), Juli 2005

Von Timothy Snyder*, The New York Times, 19. Mai 2022 (Übersetzt mit Google Translate)

*Snyder ist Geschichtsprofessor an der Yale University und Autor zahlreicher Bücher über Faschismus, Totalitarismus und europäische Geschichte.

Der Faschismus wurde als Idee nie besiegt. Als Kult der Irrationalität und Gewalt war er als Argument nicht zu besiegen: Solange Nazi-Deutschland stark schien, waren auch Europäer und andere in Versuchung. Erst auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs wurde der Faschismus besiegt. Jetzt ist er wieder da – und dieses Mal ist das Land, das einen faschistischen Vernichtungskrieg führt, Russland. Sollte Russland gewinnen, werden Faschisten auf der ganzen Welt getröstet sein.

Wir irren uns, wenn wir unsere Angst vor dem Faschismus auf ein bestimmtes Bild von Hitler und dem Holocaust beschränken. Der Faschismus war italienischen Ursprungs, beliebt in Rumänien – wo Faschisten orthodoxe Christen waren, die davon träumten, Gewalt zu beseitigen – und hatte Anhänger in ganz Europa (und Amerika). In all seinen Spielarten ging es um den Sieg des Willens über die Vernunft.

Aus diesem Grund ist es unmöglich, Faschismus zufriedenstellend zu definieren. Die Menschen sind sich, oft vehement, uneins darüber, was Faschismus ausmacht. Aber das heutige Russland erfüllt die meisten Kriterien, die Fachleute normalerweise anwenden. Es hat einen Kult um einen einzigen Führer, Wladimir Putin. Es hat einen Totenkult, der um den Zweiten Weltkrieg herum organisiert wird. Es hat einen Mythos eines vergangenen goldenen Zeitalters imperialer Größe, das durch einen Krieg heilender Gewalt wiederhergestellt werden soll – den mörderischen Krieg gegen die Ukraine.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Ukraine zum Ziel faschistischer Kriege wird. Die Eroberung des Landes war Hitlers Hauptkriegsziel im Jahr 1941. Hitler hielt die Sowjetunion, die damals die Ukraine beherrschte, für einen jüdischen Staat: Er plante, die sowjetische Herrschaft durch seine eigene zu ersetzen und den fruchtbaren landwirtschaftlichen Boden der Ukraine zu beanspruchen. Die Sowjetunion würde ausgehungert und Deutschland würde ein Imperium werden. Er stellte sich vor, dass dies einfach sein würde, weil die Sowjetunion seiner Meinung nach eine künstliche Schöpfung und die Ukrainer ein Kolonialvolk waren.

Die Ähnlichkeiten zu Putins Krieg sind verblüffend. Der Kreml definiert die Ukraine als einen künstlichen Staat, dessen jüdischer Präsident beweist, dass er nicht real sein kann. Nach der Eliminierung einer kleinen Elite, so die Überlegung, würden die unreifen Massen die russische Vorherrschaft gerne akzeptieren. Heute ist es Russland, das der Welt ukrainische Nahrungsmittel verweigert und den globalen Süden mit Hungersnot droht.

Viele zögern, das heutige Russland als faschistisch anzusehen, weil Stalins Sowjetunion sich selbst als antifaschistisch definierte. Aber diese Verwendung hat nicht dazu beigetragen, zu definieren, was Faschismus ist – und ist heute schlimmer als verwirrend. Mit Hilfe amerikanischer, britischer und anderer Verbündeter besiegte die Sowjetunion 1945 Nazideutschland und seine Verbündeten. Ihre Opposition gegen den Faschismus war jedoch uneinheitlich.

Vor Hitlers Machtergreifung im Jahr 1933 behandelten die Sowjets die Faschisten nur als eine weitere Form des kapitalistischen Feindes. Kommunistische Parteien in Europa sollten alle anderen Parteien als Feinde behandeln. Diese Politik trug tatsächlich zu Hitlers Aufstieg bei: Obwohl sie den Nazis zahlenmäßig unterlegen waren, wollten deutsche Kommunisten und Sozialisten nicht zusammenarbeiten. Nach diesem Fiasko passte Stalin seine Politik an und forderte, dass die europäischen kommunistischen Parteien Koalitionen bilden, um Faschisten zu blockieren.

Das dauerte nicht lange. 1939 schloss sich die Sowjetunion faktisch Nazideutschland an und die beiden Mächte fielen gemeinsam in Polen ein. Nazireden wurden in der sowjetischen Presse nachgedruckt und Nazioffiziere bewunderten die sowjetische Effizienz bei Massendeportationen. Aber die Russen sprechen heute nicht von dieser Tatsache, da die Erinnerungsgesetze es zu einem Verbrechen machen. Der Zweite Weltkrieg ist ein Element von Putins historischem Mythos der russischen Unschuld und verlorenen Größe – Russland muss ein Monopol auf Opferrolle und Sieg genießen. Die grundlegende Tatsache, dass Stalin den Zweiten Weltkrieg ermöglichte, indem er sich mit Hitler verbündete, muss heute unsagbar und undenkbar sein.

Stalins Flexibilität gegenüber dem Faschismus ist der Schlüssel zum heutigen Verständnis Russlands. Unter Stalin war der Faschismus zuerst gleichgültig, dann war er schlecht, dann war er gut, bis er – als Hitler Stalin verriet und Deutschland in die Sowjetunion einmarschierte – wieder schlecht war. Aber niemand hat jemals definiert, was es bedeutet. Es war eine Kiste, in die alles hineingesteckt werden konnte. Kommunisten wurden in Schauprozessen als Faschisten gesäubert. Während des Kalten Krieges wurden Amerikaner und Briten zu Faschisten. Und „Antifaschismus“ hinderte weder Stalin daran, bei seiner letzten Säuberung Juden ins Visier zu nehmen, noch seine Nachfolger daran, Israel mit Nazideutschland in Konflikt zu bringen.

Mit anderen Worten, der sowjetische Antifaschismus war eine Politik von uns und ihnen. Das ist keine Antwort auf den Faschismus. Schließlich beginnt faschistische Politik, wie der Nazi-Denker Carl Schmitt sagte, mit der Definition eines Feindes. Da der sowjetische Antifaschismus nur bedeutete, einen Feind zu definieren, bot er dem Faschismus eine Hintertür, durch die er nach Russland zurückkehren konnte.

Im Russland des 21. Jahrhunderts wurde „Antifaschismus“ einfach zum Recht eines russischen Führers, nationale Feinde zu definieren. Wirkliche russische Faschisten wie Aleksandr Dugin und Aleksandr Prokhanov erhielten Zeit in den Massenmedien. Und Putin selbst hat sich auf die Arbeit des russischen Faschisten der Zwischenkriegszeit, Iwan Iljin, gestützt . Für den Präsidenten ist ein „Faschist“ oder „Nazi“ einfach jemand, der sich ihm oder seinem Plan widersetzt, die Ukraine zu zerstören. Ukrainer sind „Nazis“, weil sie nicht akzeptieren, dass sie Russen sind und Widerstand leisten.

Ein Zeitreisender aus den 1930er Jahren hätte keine Schwierigkeiten, das Putin-Regime als faschistisch zu identifizieren. Das Symbol Z , die Kundgebungen, die Propaganda, der Krieg als reinigender Gewaltakt und die Todesgruben um ukrainische Städte machen es deutlich. Der Krieg gegen die Ukraine ist nicht nur eine Rückkehr zum traditionellen faschistischen Schlachtfeld, sondern auch eine Rückkehr zur traditionellen faschistischen Sprache und Praxis. Andere Menschen sind da, um kolonisiert zu werden. Russland ist wegen seiner alten Vergangenheit unschuldig. Die Existenz der Ukraine ist eine internationale Verschwörung. Krieg ist die Antwort.

Da Putin von Faschisten als Feind spricht, fällt es uns vielleicht schwer zu begreifen, dass er tatsächlich Faschist sein könnte. Aber in Russlands Krieg gegen die Ukraine bedeutet „Nazi“ einfach „untermenschlicher Feind“ – jemand, den die Russen töten können. An Ukrainer gerichtete Hassreden machen es einfacher, sie zu ermorden, wie wir in BuchaMariupol und allen Teilen der Ukraine sehen, die unter russischer Besatzung standen. Massengräber sind kein Kriegsunfall, sondern eine zu erwartende Folge eines faschistischen Vernichtungskrieges.

Faschisten, die andere Menschen „Faschisten“ nennen, ist Faschismus, der als Kult der Unvernunft auf sein unlogisches Extrem getrieben wird. Es ist ein letzter Punkt, an dem Hassreden die Realität umkehren und Propaganda reines Beharren ist. Es ist der Höhepunkt des Willens über das Denken. Andere Faschisten zu nennen, während man ein Faschist ist, ist die wesentliche Praxis der Putinisten. Jason Stanley, ein amerikanischer Philosoph, nennt es „Untergrabung der Propaganda“. Ich habe es „Schizofaschismus “ genannt . Die Ukrainer haben die eleganteste Formulierung. Sie nennen es „Russismus “.

Wir verstehen mehr vom Faschismus als in den 1930er Jahren. Wir wissen jetzt, wohin es geführt hat. Wir sollten den Faschismus anerkennen, denn dann wissen wir, womit wir es zu tun haben. Aber es zu erkennen bedeutet nicht, es rückgängig zu machen. Faschismus ist keine Debattenposition, sondern ein Willenskult, der Fiktion ausstrahlt. Es geht um die Mystik eines Mannes, der die Welt mit Gewalt heilt, und wird bis zum Schluss durch Propaganda aufrechterhalten. Es kann nur durch Demonstrationen der Schwäche des Führers rückgängig gemacht werden. Der faschistische Führer muss besiegt werden, was bedeutet, dass diejenigen, die sich dem Faschismus widersetzen, das Notwendige tun müssen, um ihn zu besiegen. Erst dann brechen die Mythen zusammen.

Wie in den 1930er Jahren ist die Demokratie auf der ganzen Welt auf dem Rückzug, und die Faschisten sind dazu übergegangen, Krieg gegen ihre Nachbarn zu führen. Wenn Russland in der Ukraine gewinnt, wird es nicht nur die gewaltsame Zerstörung einer Demokratie sein, obwohl das schon schlimm genug ist. Es wird eine Demoralisierung für Demokratien überall sein. Schon vor dem Krieg waren Russlands Freunde – Marine Le Pen, Viktor Orban, Tucker Carlson – die Feinde der Demokratie. Siege der Faschisten auf dem Schlachtfeld würden bestätigen, dass Stärke Recht gibt, dass die Verlierer der Grund sind, dass Demokratien scheitern müssen.

Hätte sich die Ukraine nicht gewehrt, wäre dies ein dunkler Frühling für Demokraten auf der ganzen Welt gewesen. Wenn die Ukraine nicht gewinnt, müssen wir Jahrzehnte der Dunkelheit erwarten.

Von Dogmatismus und Synkretismus

Warum chinesische Buddhisten, Taoisten und Konfuzianer miteinander auskommen, aber die Christen, Muslime und Juden der Welt können es nicht, obwohl sie denselben Gott anbeten

Reflexionen von Wee Kek Koon. The South China Morning Post, Hongkong, 28. April 2022* (Bild oben: Konfuzius-Tempel in Nagasaki/Japan)

Anhänger des abrahamitischen Glaubens sind im Laufe der Geschichte zusammengestoßen, aber in China haben sich die Gläubigen des Buddhismus, Taoismus und Konfuzianismus in der Regel gut verstanden. Ein Grund dafür ist, dass diese Glaubenssysteme nicht dogmatisch sind; im selben chinesischen Tempel kann man buddhistischen und taoistischen Gottheiten wie auch Konfuzius Hingabe schenken.

In wenigen Tagen feiern Muslime Eid ul-Fitr, um das Ende des Ramadan, des heiligen Monats im islamischen Kalender, zu markieren. Eid ul-Fitr wird in den muslimischen Gemeinschaften der Welt mit unterschiedlichen Namen oder unterschiedlichen Aussprachen bezeichnet, aber diese unterschiedlichen Namen teilen alle die grundlegende Bedeutung eines Festtags, an dem das Fastenbrechen gefeiert wird. Auf Mandarin-Chinesisch heißt es Kaizhai Jie.

Im April feiern die drei großen monotheistischen Glaubensrichtungen der Welt gleichzeitig wichtige Ereignisse in ihren individuellen religiösen Kalendern, ein seltener Zufall, den die meisten Menschen übersehen hatten oder dessen sie sich nicht einmal bewusst waren.

Während Muslime im Monat Ramadan ihr geistliches Leben durch Fasten, Gebete und gute Taten stärkten, gedachten Christen am Karfreitag (15. April) bzw. am Ostersonntag (17. April) des Todes und der Auferstehung Jesu Christi. Der diesjährige Karfreitag fiel auch mit dem Beginn des achttägigen jüdischen Pessachfestes zusammen, das an den Auszug der alten Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten erinnert. O

Obwohl sie dieselbe Gottheit anbeten, ist die historische Feindseligkeit zwischen den Anhängern der drei abrahamitischen Religionen unüberwindbar geblieben. Diese gegenseitige Feindseligkeit ist weniger eine Folge religiöser Überzeugungen als das kumulative Ergebnis menschlichen Verhaltens im Laufe der Geschichte, Handlungen, die von den am wenigsten attraktiven Aspekten der menschlichen Natur angetrieben werden, wie Gier, Misstrauen, Tribalismus und die Neigung zur Gewalt.

Die drei wichtigsten Glaubenssysteme, die das Denken und Handeln von Generationen von Han-Chinesen bis heute geprägt haben, sind Buddhismus, Konfuzianismus und Taoismus. Während Konfuzianismus und Taoismus philosophische Produkte der chinesischen Zivilisation sind, kam der Buddhismus erstmals im ersten Jahrhundert n. Chr. Während der Han-Zeit vom indischen Subkontinent nach China.

Buddhistischer Tempel in Bago (Myanmar)

Im Laufe der Zeit wurde der Buddhismus jedoch so gründlich assimiliert, dass der chinesische Buddhismus zu einer einzigartigen und eigenständigen Religion wurde. Im Vergleich zu Christentum, Islam und Judentum lebt die chinesische Troika der Glaubenssysteme friedlicher zusammen. Das soll nicht heißen, dass es keinen Antagonismus zwischen Buddhismus, Konfuzianismus und Taoismus gab. Zu verschiedenen Zeiten in Chinas Vergangenheit gab es Fälle religiöser Verfolgung aus den gleichen Gründen, aus denen verschiedene politische Cliquen gegeneinander Krieg führten, aber dies waren eher Ausnahmen als die Regel.

Ein möglicher Grund für das vergleichsweise gutartige Nebeneinander von Buddhismus, Konfuzianismus und Taoismus in China ist, dass keiner von ihnen besonders dogmatisch ist. Der Konfuzianismus ist eher ein Verhaltens- und Ethikkodex als eine Religion, obwohl er übernatürliche Aspekte enthält, insbesondere den Neo-Konfuzianismus der Song- (960–1279) und Ming-Zeit (1368–1644). Philosophisch konzentrieren sich Taoismus und Buddhismus mehr auf die Selbstkultivierung als auf das Göttliche. Was ihre hingebungsvollen Aspekte betrifft, so sind beide Religionen bekanntlich vielseitig und inklusiv. Beide übernehmen frei Gottheiten aus dem Pantheon des anderen oder sogar darüber hinaus und passen sie an ihre eigenen Bedürfnisse an. Wenn Sie heute einen chinesischen Tempel betreten, werden Sie wahrscheinlich mehrere Altäre finden, die sowohl buddhistischen als auch taoistischen Gottheiten gewidmet sind. In vielen Fällen teilen sie sich sogar denselben Altar. In einigen Tempeln steht auch eine Figur eines vergötterten Kongzi, traditionell als Konfuzius latinisiert, zur Verfügung, um die Hingabe und Opfergaben von Gläubigen entgegenzunehmen.

Ein typischer Han-Chinese von heute, der sich zu keiner der monotheistischen Religionen bekennt, aber irgendeine Form von Religion praktiziert, betet wahrscheinlich sowohl zu buddhistischen als auch zu taoistischen Gottheiten. Sie sind wahrscheinlich nicht abgeneigt, animistische Geister anzubeten, auch solche nicht-chinesischer Herkunft, solange es „funktioniert“. In ihrem täglichen Leben halten sie sich wahrscheinlich an eine Form der konfuzianischen Ethik, insbesondere in Bezug auf familiäre Beziehungen.

Anstatt vor dem scheinbar promiskuitiven Synkretismus der traditionellen chinesischen Religionspraxis zurückzuschrecken, täten wir gut daran, zumindest in religiösen Belangen von ihrer Abneigung gegen Dogmatismus und Ausgrenzung zu lernen.

*(übersetzt mit Google Translate)

Gas geben

Vor wenigen Jahren stand ich an der Straße von Malacca, einer der wichtigsten Seewege auf dem Globus. Unter den Tankern, die wie in einer endlosen Schlange am Horizont entlang fuhren, tauchte auch einer mit kugelförmigen Tanks auf: ein Flüssiggas-Tanker. Er war wohl unterwegs von einem Ladeterminal in Port Klang Richtung Japan. Ein Fünftel des weltweit verkauften Flüssiggases geht nach Nippon. Neben Qatar ist Malaysia für die Inselrepublik der wichtigste Lieferant.

Wir werden wohl bald solche Bilder auch vor Wilhelmshaven oder in der Elbmündung haben. Derzeit fehlen uns dazu die Terminals. Sie zu bauen war bislang unwirtschaftlich, weil Pipelines und der Gastransport von der Quelle zu den Verbrauchern im Vergleich dazu unschlagbar billig sind. Leider ist ein Nebeneffekt, dass sich Pipelines an der Quelle abdrehen lassen und auf der anderen Seite nicht mal heiße Luft rauskommt. Vor der Situation stehen wir, ein Szenario, das sich bislang in Deutschland keiner vorstellen wollte. Warnungen aus dem Ausland gab es genug, erst recht in Zusammenhang mit dem Bau der Ostseepipeline Nord Stream 2.

Flüssiggas kann, wenn es denn einmal in Tankern unterwegs ist, überall hin dirigiert werden. So denn die internationalen Schifffahrtsrouten gesichert sind. Aus Qatar müsste unsere Gaslieferung durch die Straße von Hormuz – der Iran wäre dann derjenige, der uns vom Gas abschneiden könnte.

Glücklicher ist Italien: Es ist an die Transanatolien-Pipeline angebunden (erst seit 2020). Die liefert seitdem Gas aus Aserbaidshan quer über die Türkei und Griechenland nach Süditalien. Im Mai 2016 fuhren wir nahe Sivas an der Baustelle der Pipeline vorbei

Bau der TANAP (Transanatolien-Pipeline) nordöstlich von Sivas (Türkei)

Was haben Italien, Deutschland oder Japan gemeinsam? Es sind große Industrieländer ohne fossile Rohstoffe! Wir hätten die Braunkohle, aber die ist die nicht nur vom Brennwert, sondern auch vom CO2-Ausstoß schlechteste Quelle.

Kraftwerk Buschhaus, Landkreis Helmstedt, und Tagebau Schöningen

Japan setzte auf Atomkraft, ähnlich wie Frankreich. Aber Fukushima hat illustriert, wie gefährlich die geotektonische Lage des Landes ist. Daher führen auch keine Pipelines auf die Insel, sie wären durch Erdbeben ein Umwelt- und Versorgungsrisiko.

Auch in Japan haben nach 2011 erneuerbare Energien zur Stromerzeugung zugenommen, Kohle und importiertes Gas bleiben aber die wichtigsten Quellen (wohlgemerkt: zur Stromerzeugung; der Energiemix aller Primärenergieträger ist hier nicht dargestellt).

Ein interessantes Bild ergibt sich für die EU: Italien hat keine Kernkraft, aber einen im EU-Vergleich erstaunlich hohen Anteil an erneuerbaren Energien (für 2016, hier dargestellt tatsächlich die Primärenergieträger, in Tonnen Öläquivalent = umgerechnet auf den Brennwert eine Tonne Öl). Als großes Industrieland steht für Deutschland die Kohle noch hoch „im Kurs“. Für alle Länder gilt eine starke Abhängigkeit von Gas und Öl (und z.T. Kohle).

Es heißt also Gas geben in der EU für erneuerbare Energie. Wenn die globale Erwärmung ein „schwacher“ Grund dafür ist, die von Herrschern wie Putin oder Ölscheichs unabhängig zu werden, hat wohl jetzt einen Ruck bekommen.

Wie Deutschland und die EU von russischem Gas unabhängig werden sollen. Sueddeutsche online, 25.3.2022

Unsere Sicht – und die der Anderen

Die Niederländer, ein sympathisches weltoffenes Volk. Wir kennen unsere Nachbarn als clevere Kaufleute im globalisierten Wettbewerb und bewundern ihre Toleranz. Auch uns gegenüber, die wir sie vor acht Jahrzehnten brutal überfallen und bombardiert haben.

Ortswechsel ins Museum Sejarah Jakarta, im einstigen Batavia: Hier hängt in einer szenischen Darstellung ein niederländischer Offizier zwei Indonesier am Galgen auf. Für die südostasiatische Inselrepublik sind die Niederlande gleichbedeutend mit kolonialer Repression. Premierminister Rutte entschuldigte sich erst vor wenigen Wochen, nachdem ein wissenschaftlicher Bericht die kriminellen Taten aufgedeckt hatte, die zwischen 1947 und 1949 in Indonesien geschahen, vor weniger als 80 Jahren!

Mein Punkt ist: Es sind zwei Perspektiven aus unterschiedlichen historischen Erfahrungen. Und dieses Phänomen lässt sich auf viele Beispiele anwenden, auch auf den Krieg zwischen Russland und der Ukraine (wo das Wort Bruderkrieg tatsächlich eine Berechtigung hat).

Es ist der Vorzug des Internets, dass wir in der Lage sind, unterschiedliche Perspektiven in der gedruckten bzw. im Intenet veröffentlichten Meinung selbst nachzulesen. Fast alle Länder haben große Tageszeitungen in Englisch samt Webseiten. Jeder kann sich zwischen der Washington Post, Bangkok Post, der Pekinger Global Times und dem Sydney Morning Herald hin- und herklicken (und über Google Translate in die eigene Muttersprache übersetzen lasen). Wir können uns damit unabhängig machen vom Filter unserer heimischen Redaktionen (so hilfreich dieser Filter in vielerlei Hinsicht sonst ist).

So lese ich zwischen der tatsächlich vor Propaganda strotzenden Global Times, dem Auslandssprachrohr der chinesischen Regierung, immer wieder offizielle Kommentare, die Einblicke in das Denken in Beijing vermitteln. Es gehört ein wenig Übung dazu, auch zwischen den Zeilen zu lesen.

Im namentlich nicht gezeichneten Kommentar vom 16. März 2022 (siehe Link) wird die Nato und ihre Ostexpansion als Verantwortlicher für die russische Aggression benannt. Als Beispiel wird auch der Kosovokrieg und die Bombardierung Serbiens 1999 aufgezählt. In unserem Narrativ war dies ein Einsatz gegen einen möglichen serbischen Genozid gegenüber den (mehrheitlich) muslimischen Kosovaren, ein Sebrenica sollte sich nicht wiederholen. Wir erinnern uns, wir schwer es damals der Regierung aus SPD und Grünen fiel, diesem Nato-Einsatz zuzustimmen. Der war als „humanitäre Mission“ gedacht, aber im Gegensatz zum Afghanistan-Einsatz nicht durch eine Deklaration des Artikel 5 im Nato-Vertrag abgedeckt.

Bei einem Bombardement von Belgrad wurde auch die chinesische Botschaft getroffen, Menschen kamen dort ums Leben – eine Tatsache, welche die Global Times explizit erwähnt, die aber in unserem Rückblick keine Rolle mehr spielt. Es ist meiner Meinung nach wichtig, sich diese Positionen zu vergegenwärtige und ihre Berechtigung abzuwägen, bevor eine vorschnelle Beurteilung (oder Verurteilung) gefällt wird. Sehr oft gehen wir davon aus, das Rationalität und Objektivität auf unserer Seite sind. Jedenfalls sieht die Regierung in Peking keinen Grund, sich der Position der Nato oder der EU gegenüber dem Ukraine-Krieg anzuschließen.

Global Times, Beijing: Unreasonable, sinister for Nato to push China to condemn Russia. Global Times online, 16.3.2022

Ein zweites Beispiel fiel mir vor einigen Tagen in der New Straits Times ins Auge, die in Kuala Lumpur erscheint. Sie ist nicht das offizielle Sprachrohr der Regierung von Malaysia, gilt aber als „regierungsnah“. In der Rubrik NST Leader werden Kommentare auch zu aktuellen Weltereignissen veröffentlicht. Malaysia ist ein hochentwickelter Emerging Market und ökonomisch weltweit verflochten.

Hier erstaunte mich ebenfalls eine Sicht auf die Nato, die unserem Selbstverständnis vollkommen entgegen läuft. Sie wird dort sogar als besonders gefährliches transnationales Bündnis bezeichnet, das mit seiner Doppelmoral eine Gefahr für die Welt ist, ja sich geradezu imperialistisch verhält. Diese Sicht aus einem Land weit weg von Nato-Einfluss muss nachdenklich stimmen. Malaysia ist eines der politisch selbstbewusstesten Länder Südostasiens, es kann sich leisten, eine eigene Position in der geopolitischen Gemengelage zu haben. Die vertritt es auch gegenüber China und dessen Interessen im Südchinesischen Meer. Man sollte das auch deshalb anerkennen, weil Länder wie Malaysia sich innen- und außenpolitisch durchaus nach unseren Vorstellungen von Mündigkeit auf der Weltbühne entwickelt haben. Und ihren nach unseren „Rezepten“ erreichten wirtschaftlichen Einfluss sollten wir ebenso anerkennen (selbst dann, wenn sie vielleicht schon Konkurrenten auf dem Weltmakt geworden sind).

Aber die Bewertung der Nato und aller anderen „Bevormundungen“ was globale Werte und Meinungen betrifft (das gilt in Malaysia auch für die EU und NGOs, die es für den Palmöl-Ausbau kritisieren) zeigt, wie empfindlich man auf den Westen reagiert, wenn die einstigen Kolonialmächte heute Loyalität verlangen. Hier gilt es über Jahrzehnte verspielte Glaubwürdigkeit mit Geduld wieder aufzubauen.

NST Leader (Kommentar): Nato. New Straits Times online, Kuala Lumpur, 8.3.2022

Ein drittes Beispiel ist die Tehran Times, die ebenfalls sehr regierungsnah ist. Im gegenwärtigen Konflikt ist die Position des Irans besonders delikat: Russland ist Partei im sogenannten Iran-Abkommen, das von der Trump-Regierung gekündigt wurde und derzeit neu verhandelt wird. Teheran ist daran interessiert, dass die Sanktionen, die es ich mit der Verfolgung einer eigenständigen Nuklearpolitik eingehandelt hat, aufgehoben werden. Die Zeit für Kompromisse mit den anderen Vertragsparteien scheint deshalb günstig, weil Erdöl Rekordpreise erzielt und die Einnahmen für den Iran ein Segen wären (wie es dessen Öl für den Weltmarkt wäre). Entsprechend moderat sind in diesen Tagen die Schlagzeilen, auch gegenüber den USA.

In einem offenen Kommentar beschreibt die pakistanische Expertin Sarah Khan das westliche Dilemma angesichts der russischen Aggression. Auch sie bindet das ein in die Historie der Nato der letzten Jahrzehnte, mehr noch in die Doppelmoral der US-Politik und der Europäer. Zitat:

Injustice anywhere is a threat to justice everywhere but global North exhibited callous disregard for injustice in Global South as toxic cocktail of tyranny, imperialism and Western enlightened despotism took toll upon Muslim nations. It’s not just selective outrage of international community that exposed Western contempt for ‘barbarians’ in the East but sheer display of discrimination against refugees as multiple media reports suggest that ‘civilized’ Ukrainians are denying non-Europeans safety passages. Moreover, European refugee crisis post-Arab Spring unraveled shocking cruel face of ‘free world’ when they mercilessly closed doors of Europe to war-ravaged Muslim refugees fleeing CIA choreographed proxy battles in Syria, Iraq, Libya and Africa.

Westliche Hybris kam sozusagen vor dem Niedergang. Auch im Mittleren Osten, sogar mehr als irgendwo sonst, wird die Doppelmoral, ja sogar die Blindheit gegenüber dem Geschäftspartner Russland als Ursache für einen Konflikt gesehen, in den sich der Rest der Welt ungern oder gar nicht einbeziehen lassen möchte.

Sarah Khan: End of dream, return of history. Tehran Times online, 16.3.2022

All diese Positionen – sie könnten durch Kommentare aus THE HINDU, Aljazeera oder Haaretz (Israel) ergänzt werden, wären dieser nicht hinter Paywalls – machen klar, dass unsere Sicht nicht die von Anderen sein muss. Eher im Gegenteil: je häufiger wir moralische Kriterien und „Solidarität“ für globale Konflikte einfordern, je häufiger werden uns eigene Verfehlungen aus der Vergangenheit vorgehalten, die bei uns längst vergessen sind. Aber die Opfer haben ein langes Gedächtnis.

Opinion | What Is Our Moral Obligation in Ukraine? – The New York Times (nytimes.com) 17.3.2022

Western values? They enthroned the monster who is shelling Ukrainians today | Aditya Chakrabortty | The Guardian 17.3.2022

In Gottes Namen?

Wir gehen im christlichen Abendland davon aus, dass die Institution Kirche bei Konflikten und Kriegen ihre Botschaft von Frieden und Aussöhnung rüber bringt. Warum fehlt die im Bruderkrieg zwischen Russland und der Ukraine? Es ist zugleich die Frage nach der Rolle der orthodoxen Kirche in Russland.

Geburtskathedrale, Riga (Lettland)

Die kurze Antwort auf die Frage: Die Kirche in Russland ist Komplize, nicht Gegenöffentlichkeit, wie es die evangelische Kirche in der DDR oder die lateinamerikanischen Basiskirchen einst waren.

Nachtrag 3.4.22: Kyrill Urges Soldiers to Defend Peace. Reuters via Yahoo, 3.4.2022

Das enge Verhältnis zwischen Staat und Kirche nach dem Ende der Sowjetunion ist beispielhaft am Neubau der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau dokumentiert (vgl. dazu den Beitrag von Sidorov in der Geographischen Rundschau).

Photo by MICHALIS PAFRALIS on Pexels.com

Im Zentrum Moskaus und auf Sichtentfernung zum Kreml symbolisiert sie diese enge Bindung: der Staat fördert die Kirche – die Kirche unterstützt den Staat ideologisch. Die Protestaktion der Gruppe Pussy Riots im Februar 2012 spielte nicht von ungefähr in der Christ-Erlöser-Kathedrale (einige Mitglieder der Band zahlten mit zwei Jahren Gefängnis für diese Aktion).

Der Moskauer Patriarch Kyrill I. steht hinter dem Angriff auf die Ukraine, obwohl auch dort die orthodoxe Kirche dominiert. Dahinter verbirgt sich ein Weltbild, das wenig mit den biblischen Grundsätzen zu tun hat. Es deckt sich mit der vom Präsidenten favorisierten Ideologie des Philosophen Ivan Ilyin (wie es der amerkanische Osteuropaexperte Timothy Synder analysiert, s.u.).

Im Oktober 2020 waren wir auf einer einsamen Landstraße im Nordosten von Chalkidiki unterwegs. Dort kam uns mitten im Nirgendwo eine Autokolonne mit einer russisch beflaggte Limousine entgegen. Ohne Zweifel ein ranghoher russischer Politker, der von Athos kommend Richtung Thessaloniki unterwegs war.

Dass die Kirche in Russland als Gegenöffentlichkeit in einem autoritären Staat fehlt, ist im brutalen Krieg gegen die Ukraine besonders tragisch. Denn im Kiewer Rus beginnt vor etwas über tausend Jahren die Geschichte der orthodoxen Kirche im damaligen Russland. Derzeit bombardiert Russland seine kulturellen Wurzeln.

Quellen und weitere Informationen:

Themenheft „Russland“, Geographische Rundschau 1 (Januar) 2011

Themenheft „Russland“, Geographische Rundschau 12 (Dezember) 2003. darin Beitrag: Dimitrij Sidorov: Raum für Religion? Die neue alte Rolle der Russisch-Orthodoxen Kirche. S. 58-65

Themenheft „Ukraine“, Geographische Rundschau 12 (Dezember) 2007 darin Beitrag: Peter Lindner, Tobias Bergner: Aufbruch nach Westen? Die Ukraine drei Jahre nach der „Orangenen Revolution“, S. 4-10

Gerhard Halter, Sebastian Kinder: Krieg in der Ukraine – Entstehung des Konflikts und geopolitische Narrationen. Geographische Rundschau 5 (Mai) 2015, S. 40-48

Timothy Snyder*: Ivan Ilyin, Putin’s Philosopher of Russian Fascism. The New York Review, 16. März 2018

Anm.: Timothy Snyder gilt als der Experte für Osteuropa-Geschichte und hat sehr viele Beiträge zu Putin und Russland publiziert

Nachtrag 16.3.2022 aus SPIEGEL online:

Patriarch Kirill und Papst Franziskus telefonieren

16.20 Uhr: Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kirill, hat nach Angaben aus Moskau mit Papst Franziskus telefoniert. Bei dem Telefonat sei es ausführlich um die Lage in der Ukraine gegangen, teilte die russisch-orthodoxe Kirche am Mittwoch mit. Es sei um Maßnahmen gegangen, die beide Kirchen zur Überwindung der Krise beitragen könnten.

Nach Angaben aus Moskau haben Kirill und Franziskus die Bedeutung der Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine betont. Sie hätten die Hoffnungen auf einen baldigen Frieden zum Ausdruck gebracht. Der Vatikan äußerte sich zunächst nicht zu dem überraschenden Telefonat.

Das Verhältnis zwischen dem Kirchenstaat und dem russisch-orthodoxen Patriarchat in Moskau ist sehr schwierig. Patriarch Kirill hat sich stets hinter die Politik von Präsident Wladimir Putin gestellt. Er hat zudem dem Westen die Schuld an dem Krieg gegeben, den Putin vor gut drei Wochen befohlen hatte. Der Vatikan bemüht sich seit Beginn des Krieges um eine Rolle als Friedensvermittler.

Weise Voraussicht

Der frühere amerikanische Außenminister Henry Kissinger veröffentlichte am 5. März 2014 einen Beitrag in der Washington Post. Er wirkt heute nicht nur prophetisch, er zeigt auch mögliche Lösungswege an. Für einige davon ist es jetzt zu spät.

Ich habe den Text über Google Translate übersetzt und nur an wenigen Stellen bearbeitet:

Henry Kissinger

 Um die Ukraine-Krise zu lösen, fangt mit dem Ende an

 5. März 2014

In der öffentlichen Diskussion über die Ukraine dreht sich alles um Konfrontation. Aber wissen wir, wohin wir gehen? In meinem Leben habe ich vier Kriege gesehen, die mit großem Enthusiasmus und öffentlicher Unterstützung begonnen wurden, von denen wir alle nicht wussten, wie wir sie beenden sollten, und von denen wir uns einseitig zurückgezogen haben. Der Test von Politik ist, wie sie enden, nicht wie sie beginnen.

Viel zu oft wird die ukrainische Frage als Showdown hingestellt: ob die Ukraine dem Osten oder dem Westen beitritt. Aber wenn die Ukraine überleben und gedeihen soll, darf sie nicht der Außenposten einer Seite gegen die andere sein – sie sollte als Brücke zwischen ihnen fungieren.

Russland muss akzeptieren, dass der Versuch, die Ukraine in einen Satellitenstatus zu zwingen und dadurch Russlands Grenzen erneut zu verschieben, Moskau dazu verdammen würde, seine Geschichte sich selbst erfüllender Zyklen gegenseitigen Drucks mit Europa und den Vereinigten Staaten zu wiederholen.

Der Westen muss verstehen, dass die Ukraine für Russland niemals nur ein fremdes Land sein kann. Die russische Geschichte begann in der sogenannten Kiewer Rus. Von dort verbreitete sich die russische Religion. Die Ukraine gehört seit Jahrhunderten zu Russland, und ihre Geschichten waren schon vorher miteinander verflochten. Einige der wichtigsten Kämpfe um die russische Freiheit, beginnend mit der Schlacht von Poltawa im Jahr 1709, wurden auf ukrainischem Boden ausgetragen. Die Schwarzmeerflotte – Russlands Mittel zur Machtprojektion im Mittelmeer – ist langfristig in Sewastopol auf der Krim angemietet. Sogar so berühmte Dissidenten wie Aleksandr Solschenizyn und Joseph Brodsky bestanden darauf, dass die Ukraine ein integraler Bestandteil der russischen Geschichte und tatsächlich Russlands sei.

Die Europäische Union muss erkennen, dass ihre bürokratische Zögerlichkeit und Unterordnung des strategischen Elements unter die Innenpolitik bei den Verhandlungen über die Beziehungen der Ukraine zu Europa dazu beigetragen haben, eine Verhandlung in eine Krise zu verwandeln. Außenpolitik ist die Kunst, Prioritäten zu setzen.

Die Ukrainer sind das entscheidende Element. Sie leben in einem Land mit einer komplexen Geschichte und einer polyglotten Zusammensetzung. Der westliche Teil wurde 1939 in die Sowjetunion eingegliedert, als Stalin und Hitler die Beute aufteilten. Die Krim, deren Bevölkerung zu 60 Prozent aus Russen besteht, wurde erst 1954 Teil der Ukraine, als Nikita Chruschtschow, ein gebürtiger Ukrainer, sie im Rahmen der Feierlichkeiten zum 300. Jahrestag eines russischen Abkommens mit den Kosaken zuerkannte. Der Westen ist weitgehend katholisch; der Osten weitgehend russisch-orthodox. Der Westen spricht Ukrainisch; Der Osten spricht hauptsächlich Russisch. Jeder Versuch eines Flügels der Ukraine, den anderen zu dominieren – wie es bisher üblich war – würde schließlich zu einem Bürgerkrieg oder einer Auflösung führen.

Die Ukraine als Teil einer Ost-West-Konfrontation zu behandeln, würde jahrzehntelang jede Aussicht zunichte machen, Russland und den Westen – insbesondere Russland und Europa – in ein kooperatives internationales System zu bringen. Die Ukraine ist erst seit 23 Jahren unabhängig; sie war zuvor seit dem 14. Jahrhundert unter einer Art Fremdherrschaft gewesen. Es überrascht nicht, dass ihre Führer die Kunst des Kompromisses nicht gelernt haben, geschweige denn die historische Perspektive. Die Politik der Ukraine nach der Unabhängigkeit zeigt deutlich, dass die Wurzel des Problems in den Bemühungen ukrainischer Politiker liegt, widerspenstigen Teilen des Landes ihren Willen aufzuzwingen, zuerst von einer Fraktion, dann von der anderen. Das ist die Essenz des Konflikts zwischen Wiktor Janukowitsch und seiner wichtigsten politischen Rivalin Julia Timoschenko. Sie repräsentieren die beiden Flügel der Ukraine und waren nicht bereit, die Macht zu teilen.

Eine kluge US-Politik gegenüber der Ukraine würde einen Weg suchen, wie die beiden Landesteile miteinander kooperieren können. Wir sollten Versöhnung anstreben, nicht die Vorherrschaft einer Fraktion. Russland und der Westen und am wenigsten die verschiedenen Fraktionen in der Ukraine haben nicht nach diesem Prinzip gehandelt. Jeder hat die Situation verschlimmert. Russland wäre nicht in der Lage, eine militärische Lösung durchzusetzen, ohne sich in einer Zeit zu isolieren, in der viele seiner Grenzen bereits prekär sind. Für den Westen ist die Dämonisierung von Wladimir Putin keine Politik; es ist ein Alibi für das Fehlen eines solchen.

Putin sollte zu der Einsicht kommen, dass eine Politik der militärischen Zumutung ungeachtet seiner Beschwerden einen weiteren Kalten Krieg hervorrufen würde. Die Vereinigten Staaten ihrerseits müssen es vermeiden, Russland als einen Abwegigen zu behandeln, dem man geduldig die von Washington aufgestellten Verhaltensregeln beibringen muss. Putin ist ein ernsthafter Stratege – auf der Prämisse der russischen Geschichte. Das Verständnis von US-Werten und Psychologie ist nicht seine Stärke. Auch das Verständnis der russischen Geschichte und Psychologie war keine Stärke der US-Politiker.

Die Führer aller Seiten sollten wieder Ergebnisse prüfen und nicht in Pose konkurrieren. Hier ist meine Vorstellung von einem Ergebnis, das mit den Werten und Sicherheitsinteressen aller Seiten vereinbar ist:

1. Die Ukraine sollte das Recht haben, ihre wirtschaftlichen und politischen Verbindungen, einschließlich mit Europa, frei zu wählen.

2. Die Ukraine sollte der NATO nicht beitreten, eine Position, die ich vor sieben Jahren vertreten habe, als sie zuletzt aufkam.

3. Der Ukraine sollte es freistehen, eine Regierung zu bilden, die mit dem ausdrücklichen Willen ihres Volkes vereinbar ist. Kluge ukrainische Führer würden sich dann für eine Politik der Versöhnung zwischen den verschiedenen Teilen ihres Landes entscheiden. International sollten sie eine mit Finnland vergleichbare Haltung einnehmen. Diese Nation lässt keinen Zweifel an ihrer starken Unabhängigkeit und kooperiert in den meisten Bereichen mit dem Westen, vermeidet jedoch sorgfältig institutionelle Feindseligkeit gegenüber Russland.

4. Es ist mit den Regeln der bestehenden Weltordnung unvereinbar, dass Russland die Krim annektiert. Aber es sollte möglich sein, das Verhältnis der Krim zur Ukraine auf eine weniger angespannte Basis zu stellen. Zu diesem Zweck würde Russland die Souveränität der Ukraine über die Krim anerkennen. Die Ukraine sollte die Autonomie der Krim bei Wahlen stärken, die in Anwesenheit internationaler Beobachter abgehalten werden. Der Prozess würde die Beseitigung aller Unklarheiten über den Status der Schwarzmeerflotte in Sewastopol umfassen.

 Das sind Prinzipien, keine Vorschriften. Kenner der Region werden wissen, dass nicht alle für alle Parteien schmackhaft sein werden. Der Test ist nicht absolute Zufriedenheit, sondern ausgewogene Unzufriedenheit. Wenn keine Lösung auf der Grundlage dieser oder vergleichbarer Elemente erreicht wird, wird sich das Abdriften in Richtung Konfrontation beschleunigen. Die Zeit dafür wird früh genug kommen.

Energieautarkie = Friedenspolitik

Die Ukraine-Krise – inzwischen ist es ein brutaler Krieg – offenbart, wie abhängig Deutschland von importierter Primärenergie ist. Das hatten wir schon im Spätherbst 1973 erfahren, als die OPEC den Ölhahn zudrehte. Damals galt eine Diversifizierung der Importe als gute Alternative, die Sowjetunion bot sich unter anderem dazu an. Dass aus dieser Strategie inzwischen eine neue Abhängigkeit geworden ist, war ein schleichender Prozess.

Gas aus Sibirien über kontinentale Pipelines galt als sicherer Versorgungsweg, zumal der Öltransport über den Seeweg geopolitisch vulnerabel war. Trotz des Ost-West-Konflikts lieferte die Sowjetunion zuverlässig, warum sollte dies im neuen Russland anders sein? Seinerseits braucht Russland unsere Technologie, scheinbar eine Win-Win-Situation. Das Ergebnis sehen wir jetzt.

Deutschland fördert nur 1 % seines Rohöls aus eigenen Quellen. Die älteste und einer der ältesten der Welt liegt in Wietze bei Celle (siehe Fotos unten).

Ich habe mir die Situation des Energiesektors anhand von Daten aus dem Umweltbundesamt angeschaut. Dazu zwei Begriffsklärungen: Grundlage der Betrachtung ist die sogenannte Primärenergie, deren Produktion und Import. Der jeweilige Anteil an der Erzeugung von Strom oder Heizkraft bleibt im Vergleich außen vor, weil er für die Fragestellung der Energieautarkie unerheblich ist (sehr wohl natürlich für die CO2-Emissionen). Zweitens ist die Vergleichseinheit aller unterschiedlicher Energieträger – vom Windrad bis zum Ölfass – ihre Energieleistung, gemessen in (Petra)joule.

Deutschland verbrauchte 2020 ca. 12.000 Petrajoule an Primärenenergie, ein Siebtel weniger als 1990. Hier zeigt sich die Abkopplung von Primärenergieverbrauch und Wirtschaftsleistung, vor allem seit 2015. Positiv auch der steigenden Anteil an regenerativen Energien (grüne Farbe) am Primärenergieverbrauch, zu Lasten von Braun- und Steinkohle. Hingegen ist der Anteil von Erdgas und Erdöl an diesem Mix fast gleich geblieben.

Eindrucksvoll ist auch die zweite Grafik: die Primärenergiegewinnung in Deutschland selbst: Öl und Gas haben wir keins (blaue Farbe), „grüne“ Energie hat den Rückgang von Stein- und Braunkohle – unsere einzigen einheimischen Energiequellen – gegenüber 1990 ausgeglichen.

Aber: die in Deutschland erzeugte Primärenergie macht nur ein Drittel unseres Bedarfs aus (4.000 Petrajoule zu 12.000, siehe oben). Die übrigen zwei Drittel entfallen auf Erdgas und Erdöl – und die werden zu 95 bzw. 98 % importiert!

An der Stromerzeugung machen sie zwar zusammen nur knapp 17 % aus, der größte Teil des importierten Gases geht aber in unsere Wohnungen zum Heizen und Kochen, das Öl geht in die Tanks. Würde man dies auf Strombasis umstellen (ohne zugleich den steigenden Bedarf an Elektrizität für Elektroautos zu berücksichtigen), müsste der Anteil von regenerativer Energie verdrei- oder vervierfacht werden. Dann wären wir autark und zugleich Weltmeister in der CO2-Reduktion. Das ist aber technisch und politisch eine Illusion: Es fehlt an Speicherkapazität, an Fläche (und Sonnenschein) für Solarzellen und Windräder.

Die Politik der derzeitigen Regierungskoalition ist es, weitere alternative Brennstoffe zu erzeugen, etwa Wasserstoff.

Es scheint Konsens in allen Parteien, die Abghängigkeit von Energie-Importen schnellst möglich zu reduzieren oder ganz zu beenden. Aber das ist eine Jahrhundertaufgabe, die zudem in zehn Jahren erledigt sein müsste. Packen wir’s an und packen wir autoritäre Potentaten auf diese Weise ein.

Claudia Kemfert: Ukraine-Konflikt: In drei Schritten zur Unabhängigkeit von Russland. FR online, 1.3.2022

1971-2021: 50 Jahre Bangladesh

Am 16. Dezember 1971 erklärte sich Bangladesh, das einstige Ostpakistan, für unabhängig. Voraus gegangen war ein monatelanger Kampf um die Selbstbestimmung der Bengalen im zweigeteilten Pakistan, in den auch Indien eingriff. Damit war ein Staat geboren, der nicht nur in einer der fragilsten geographischen Regionen auf dem Globus liegt, sondern dem viele voraussagten, für Jahrzehnte ein Brotkorb der Menschheit zu werden. Im Sommer 1971 initiierte George Harrison von den Beatles zusammen mit Ravi Shankar ein Wohltätigkeitskonzert für Flüchtlinge aus Bangladesh im New Yorker Madison Square Garden (die Plattenaufnahme dazu erschein vor fast genau 50 Jahren, im Dezember 1971).

Ein schon damals dicht besiedelter Agrarstaat im Delta zweier riesiger Ströme schien keine wirtschaftliche Überlebensperspektiven zu haben, auch wenn der Staat durch eine starke bengalische Identität über genügend gesellschaftliche Kohärenz verfügte. Politische Konflikte und Rivalitäten, ungeklärte Fragen für Minderheiten und eine komplizierte Grenzziehung, die schon in der Teilung Indiens 1947 angelegt war, all das schienen die pessimistischen Voraussagen zu bestätigen.

Fünfzig Jahre später präsentiert sich ein Land, das uns meist mit Katastrophenmeldungen von Fährunglücken oder Bränden in Textilfabriken in den Nachrichten präsentiert wird, mit neuem Stolz. Es hat eine erstaunliche Entwicklung „hingelegt“, aller Armut, die es noch gibt, zum Trotz. Es hat hunderttausende Flüchtlinge aus dem Nachbarland Myanmar aufgenommen und es hat keine imperialen Ambitionen. Es übersteht bislang glimpflich Naturkatastrophen, die diesen Winkel auf dem Erdball in besonderem Maße heimsuchen.

Der Videoclip unten wurde vor Kurzem publiziert, zur Melodie der Nationalhymne „Amar Sonar Bangla“ – Mein goldenes Bengalen, dem Text von Rabindranath Tagore.

Ich war von 1987 bis 1990 für das UN-Entwicklungsprogramm in Dhaka tätig und habe durch die bengalischen Mitarbeiter im UN-Büro, vielen lokalen Experten und Beratern, aber auch durch Besuche in unseren Projekten überall im Land einen Eindruck von Land und Leuten gewonnen. Die Fotos hier stammen aus meiner Zeit in Bangladesh.

Noch Mitte der 1980er Jahre schien Bangladesh ein hoffnungsloser Fall der Entwicklungshilfe, ja geradezu Sinnbild für deren Fehlentwicklung. Aber – so meine Hypothese – der lange Atem der internationalen Solidarität in Kombination mit der Resilienz und dem Pragmatismus der Bengalis scheint Erfolge zu zeigen.

Zwar hat die Bevölkerung seit 1987 um 65 Millionen Menschen – die Einwohnerzahl Frankreichs – zugenommen, die Bevölkerungsdichte ist mehr als fünfmal so hoch wie in Deutschland (in einem Agrarland im Delta großer Flüsse!), aber das BIP pro Kopf hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast versechsfacht.

Die Lebenserwartung ist zwar gestiegen, aber die Diskrepanz zwischen Männern und Frauen ist eher noch größer geworden. Dafür ist die Kindersterblichkeit stark zurück gegangen, ein Ergebnis von Bildung und Gesundheitssystem.

Mir ist klar, dies sind subjektive Bewertungen, zudem an nur wenigen ausgewählten Statistiken (frei zugänglich bei statista.com) illustriert. Aber geht man in den Dezember 1971 zurück, dann sind dies erstaunlich ermutigende Indizien, dass Bangladesh – mit immerhin mehr Einwohnern als Deutschland und Frankreich zusammen – auf eigenen Füßen stehen kann.

Wer das Land und seine Menschen kennen lernt, wird überrascht sein über den Lebensmut und die Tatkraft der Bengalis. Die überbordende landwirtschaftliche Fruchtbarkeit des Landes mag viele soziale Gegensätze übertünchen, aber ihr „goldenes Bengalen“ wollen die wenigsten seiner Bewohner eintauschen.

Das Vergessen- und Verdrängen-Virus

Die Natur hat so ihre Eigenarten: Sie schützt unsere Psyche, indem wir traumatische Ereignisse verdrängen können. Dies gilt aber meist nur für Täter und Dabeistehende, nicht für die Opfer. Bei ihnen schafft es die menschliche Natur nicht, ein Trauma von Terror und Gewalt durch Verdrängen und Vergessen zu bewältigen.

Ähnlich gilt dies für kollektives Trauma: Durch Vergessen und Verdrängen geht eine Gesellschaft in den Alltag zurück, stolpert durch die Welt und ist erstaunt, wie ab und an die Vergangenheit wieder auftaucht. Die Natur hat noch eine weitere Eigenart: Sie deckt Spuren solch traumatischer Orte mit ihrem Pflanzenkleid zu und verwandelt sie zuweilen in kleine Paradiese – wie bei Langenstein im Harzvorland.

Wir wanderten am vergangenen Sonntag auf einem Feldweg zwischen zwei mit Kiefern bewachsenen Höhenzügen. Der Duft von Holunder, der Anblick tief grüner Getreidefelder, das Summen von Hummeln und Insekten in der Luft und der rote Klatschmohn dazwischen als intensiver Farbtupfer, es fehlte nur noch die Musik aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, und wir hätten uns wie in einem Film gefühlt.

Wer aber durch die Zeit reisen könnte, wäre im Sommer 1944 exakt auf diesem Feldweg an ausgemerkelten Gestalten vorbei gelaufen, die auf dem Weg vom Lager in den Zwiebergen zur Sklavenarbeit in Tunneln unter den Thekenbergen waren und dabei Gesundheit und zu Tausenden auch ihr Leben verloren.

Es ist der Kontrast zwischen anrührender landschaftlicher Schönheit und der Erinnerung an Gewaltherrschaft und Terror der Nazis, der die Wanderung zu einer Übung in Vergangenheitsbewältigung macht. Der Augenschein der Landschaft kämpft mit dem kognitiven Teil des Gehirns, der die Schilder am Waldrand entziffert. Das Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge lag versteckt hinter den Höhenzügen aus Sandstein. Die ehemalige Aufsichtsbaracke am Zugang ist heute ein Dokumentationszentrum. Die jetzige Gedenkstätte wurde noch zu DDR-Zeiten eingerichtet und ist sogar die erste ihrer Art in Deutschland.

Lagenstein-Zwieberge war ein Außenlager des KZ Buchenwald, ein Arbeits- und Straflager für Gefangene aus ganz Europa. Heute liegt die Gedenkstätte zwischen Fichtenwald und einer Wiese, die einst die Wohnbaracken und eine Hinrichtungsstätte beherbergten, erneut ein kaum zu fassender Kontrast zwischen lieblicher Natur und unbeschreibbarer Grausamkeit. Wären nicht die Hinweistafeln, der Besucher würde vielleicht sein Pausenbrot auspacken und die Landschaft genießen.

Dieser Ort des Naziterrors liegt in Fußweite zu einem Städtchen, welches eine einzige Idylle ist. Mit Kopfstein gepflasterte Straßen, frühere Höhlenwohnungen im Sandstein – eine Rarität in Deutschland – und sogar ein Barockschloss mit einem baumbestandenen Park.

Wer wohnte zur Nazizeit hier? Heute ist das Schloss Heimstätte für behinderte Jugendliche, die bei unserem Besuch von engagierten Sozialarbeitern liebevoll betreut wurden. Was wäre damals aus ihnen geworden?

Solche Gedanken kamen mir unwillkürlich. Was hätte ich mitbekommen, wäre ich 1944 Bürger Langensteins gewesen. Hätte ich weggeschaut? Hätte ich ein „Jobangebot“ im Lager angenommen? Was machten die Bauern der Umgebung, die wohl im Spätsommer die Ernte auf den Feldern einfuhren? Halfen sie Gefangenen bei der Flucht unter Einsatz ihres eigenen Lebens? Oder versorgten sie zumindest mit Lebensmitteln? Oder schmuggelten ihre Briefe aus dem Lager? Oder dokumentierten die Verbrechen für später? Oder redeten sich ein, das habe wohl alles seine Richtigkeit, der „Staat“ habe halt seine Regeln`? Und überhaupt, es war Krieg und die Bombergeschwader flogen Richtung Magdeburg oder Berlin über den Vorharz hinweg. Stellen sich die heutigen Bürger bei Wahlen solche Fragen?

Für ein Städtchen wie Langenstein muss es eine Herausforderung sein, mit der Geschichte des Lagers in seiner Nachbarschaft umzugehen. Und im Alltag wird nicht täglich Vergangenheit zu bewältigen sein. Wer aber gegen Vergessen angeht, schafft es, sich aus dem Trauma zu befreien und sich selbstbewusst heutigen Aufgaben zu stellen. Wir könnten dann alle von den Langensteinern lernen. Das Engagement des Landes Sachsen-Anhalt und der Stadt Halberstadt zum Erhalt der Gedenkstätte sind jedenfalls ermutigende Zeichen.

Mir gingen viele Fragen durch den Kopf, als wir den Hohlweg am Rand der Thekenberge erreichten. Der Erddamm war kein Produkt der Erosion, sondern von Menschen gemacht: Schutt aus dem Tunnelsystem, in dem Kriegsindustrien versteckt werden sollten.

Ein Rest des Tunnelsystems ist ebenfalls als Dokumentationsraum genutzt, war aber wegen der Pandemie geschlossen.

Auf dem Rückweg zum Parkplatz kam uns am helllichten Nachmittag ein zerzaußter Fuchs entgegen. „Der läuft ab und zu hier herum“, sagte ein Radfahrer im Vorbeifahren. Er schien hungrig zu sein und fürchtete sich nicht vor Menschen, so als wolle er sagen: „Keine Angst Leute. Aus der Vergangenheit könnt Ihr lernen!“

Eine Tagesschau vom 14.5.1010

Gleich live: Grundsteinlegung in Hildesheim

Stellen wir uns die „Tagesschau“ an einem Maitag im Jahr 1010 vor. Die Sendezentrale von Otto-TV ist in Magdeburg und der Moderator begrüßt die Zuschauer mit einem Überblick zur Innenpolitik. Es gab weiter Konflikte und Unstimmigkeiten zwischen seiner Majestät Heinrich II. mit dem Polenkönig an der Ostgrenze des Reiches. Zunehmend spielten auch Handelsinteressen Richtung Asien eine Rolle.

Der Sender schaltet dann zum Auslandskorrespondenten nach Hanoi. Er berichtet über den 36-jährigen Ly Thai To, Herrscher des Reiches Dai Co Viet. Der verlegt seine Residenz in die Festung Thang Long und dokumentiert so seine Machtbasis. Der Korrespondent in Hanoi beschreibt, wie Ly Thai To vom Dorfjungen bis in den Kaiserpalast aufgestiegen sei, durch Leistung und Tapferkeit. Im Hintergrund laufen Bilder vom Ausbau Thang Longs, bevor der Korrespondent, dessen Müdigkeit man dort um 2 Uhr morgens Ortszeit ansieht, zurück gibt an die Sendezentrale in Magdeburg.

Turm über dem Haupttor in Thang Long/Hanoi

Die hat von der Redaktion „Ausland“ eine zweite Schalte vorgesehen, diesmal nach Thanjavur in Südindien. Den Zuschauern im Reich zwischen Rhein und Oder wird erklärt, dass dort feine Stoffe und edle Gewürze gehandelt werden. Der Korrespondent in Thanjavur steht – kurz nach Mitternacht Ortszeit in Indien, dennoch immer noch glühend heiß – vor einem gewaltigen Turm im Innenhof einer Tempelanlage. Die ist von Fackeln hell erleuchtet, man hört Trommeln und Trompeten im Hintergund. Er berichtet über die Festlichkeiten zu deren Einweihung. Seine Majestät Rajaraja I. Chola hatte nach überragenden Erorberungen in Südindien, Sri Lanka und Übersee (Sri Vijaya in Süd-Sumatra) seinem Gott Shiva den größten Tempel seiner Zeit geweiht, mitten im Reisbauland des Kaveri-Deltas. Der Reporter beschreibt die Architektur, die Ausmaße und bemerkt augenzwingernd, mit welcher Anmut Dutzende bildhübscher Tempeltänzerinnnen die Feier begleiteten (die Zensur des Bischofs von Magdeburg erforderte, das die Zuschauer im Heiligen Römischen Reich nur verpixelte Aufnahmen zu sehen bekamen).

Der Moderator in Magdeburg ist sichtlich verlegen, kündigt schnell den nächsten Beitrag in der Sektion „Kultur“ an. Der Sender schaltet live nach Hildesheim, wo an diesem Frühlingsabend in feierlicher Prozession Bauern und Handwerker symbolisch Baumaterial an den Rohbau einer gewaltigen Kirche tragen. Hier auf einer Anhöhe über dem Fluss Innerste legt Bischof Bernward von Hildesheim höchst persönlich den Grundstein für den von ihm mitentworfenen Bau. Der Sender zeigt ein Modell der späteren Kirche, deren Bauzeit auf mindestens zehn Jahre veranschlagt ist.

Bauen können wir auch, kommentiert der Moderator in Magdeburg, bevor die Tagesschau im Mai 1010 mit einem Ausblick auf das Wetter für die Bauern in Mitteleuropa endet. Es bleibt warm und feucht, ideale Bedingungen für eine gute Ernte.

Die Gleichzeitigkeit von globalen Ereignissen, präziser die Berichterstattung darüber, ist für uns heute selbstverständlich. Wir erfahren in 15 Minuten alles Wichtige zwischen Berlin, Washington und Peking. Das Jahr 1010 A.D. ein gutes Beispiel für die Parallelität herausragender kultureller Leistungen. Tatsächlich hat die UNESCO im Jahr 2010 diese drei Tausendjahrfeiern gleichzeitg begangen.

In Abu Dhabi Louvre steht ein Reliquienbehälter aus St. Michael neben Silberarbeiten aus Südamerika und Bronzen aus Ostasien. In dieser „Lizenzausgabe“ des Pariser Originals wird der Besucher durch die Kultur der Jahrhunderte auf allen Erdteilen geführt. Er kann sich so ein Beispiel von parallelen Erungenschaften auf verschiedenen Kontinenten verschaffen.

Dieses Konzept kann sich ein Museum mit schier unbegrenztem Budget leisten. Bei uns wird in Museen oft eine eurozentrische Sicht von Geschichte und Kultur erzeugt. Aber der globale Blick auf historische Prozesse und Kulturgeschichte hilft den Blick für Gleichwertigkeit und Gleichzeitig zu schärfen. Er verhindert nationalen Chauvinismus und kulturelle Überheblichkeit.

1010 ist ein gutes Beispiel dafür. Hätte es doch nur das Fernsehen schon im Hochmittelalter gegeben.