Umweltdesaster: Gletscherabbruch im Himalaya

The Washington Post 20 February 2021

An einem der Nebenflüsse des Ganges im indischen Himalaya hat es am 6. Februar 2021 einen katastrophalen Gletscherabbruch gegeben, der vermutlich mehr als 200 Todesopfer forderte. Solche Ereignisse werden seit Jahren von Geomorphologen, Glazialkundlern und regionalen Experten der Himalaya-Region vorausgesagt.

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Der Himalaya ist ein junges Gebirge. Er wächst immer noch, hervorgerufen durch die Plattentektonik in Südasien. Gleichzeitig bewirken die Niederschläge des Monsuns weitreichende Erosion. Die Täler sind tief eingeschnitten und nur unter großem technischen Aufwand zur Bewirtschaftung und für Infrastruktur zu nutzen.

Die Göttinger Geographin Lasafam Iturrizaga stellt schon im Heft 4/2012 der Zeitschrift Geographische Rundschau fest: „Bevölkerungsdruck und die resultierende Besiedlung von marginalen Standorten gelten als Kriterium  für das zunehmende Gefahrenpotential (im Himalaya). Alle Staaten  der Region verzeichnen eine Bevölkerungszunahme, allerdings sind Gebirgsdörfer durchaus auch von Abwanderung bis hin zur gänzlichen Siedlungsaufgabe betroffen.

Demgegenüber steht der Trend der touristischen Erschließung der Höhenzonen
über 4000 m, insbesondere in Regionen, in denen sich ausbruchsgefährdete Gletscherseen befinden… .Die Schadensbilanzen von Gletscherseeausbrüchen zeigen, dass weniger die traditionellen Siedlungsstandorte und deren Bewohner betroffen sind, als vielmehr neu angelegte Wasserkraftwerke und Infrastruktureinrichtungen.“

Und im selben Heft der GR schreibt Susanne Schmidt, Geographin an der Uni Heidelberg: „Im monsunal geprägten Himalya, wo ein Großteil des Niederschlages im Sommer fällt … reagieren die Gletscher besonders sensitiv auf Temperaturerhöhungen, da der Schneedeckenaufbau nahe dem Gefrierpunkt und somit der Anteil flüssigen Niederschlages bei bereits leicht steigenden Temperaturen signifikant erhöht wird.“ Die Gletscher gehen nicht nur zurück, sie werden instabil.

In einr ausführlichen Analyse zur Tragödie in Uttarakhand schreibt der britische The Guardian vom 8.2.2021: Während einige sagten, der Vorfall zeige die wachsenden Auswirkungen der Klimakrise – eine Umfrage aus dem Jahr 2019 ergab, dass die Himalaya-Gletscher mit „alarmierender Geschwindigkeit“ schmelzen – haben lokale Aktivisten und Schriftsteller auch den intensiven Bau von Dämmen und Wasserkraftinfrastruktur entlang der Flüsse und Gebiete von Uttarakhand verantwortlich gemacht. …  Allein im Bundesstaat Uttarakhand gibt es 550 Staudämme und Wasserkraftprojekte. 152 große Staudämme wurden gebaut oder befinden sich im Bau.

Und weiter schreibt der GUARDIAN: In dem von der Sturzflut am Sonntag betroffenen Gebiet gibt es 58 Wasserkraftprojekte entlang der Flüsse und ihrer Nebenflüsse. In die Berge hinein wird auch eine neue Straße gebaut, um den Touristen den Zugang zum berühmten Kedarnath-Tempel von Uttarakhand zu erleichtern, bei dem in die Felsen gesprengt und Schlamm und Schutt ins Wasser geworfen wurden. Die Geologin Dwarika Dobhal vom Wadia-Institut für Himalaya-Geologie hat eine andere Theorie als die Behörden zu den Ursachen der Überschwemmung und sagte, sie glaube, es sei eine Lawine, kein Gletscherabbruch, die wahrscheinlich die Überschwemmung verursacht habe. Vermutlich sei in den letzten Wochen im Fluss stromaufwärts eine Trümmerblockade aufgetreten sei, die zur Bildung eines Sees geführt habe. Eine Lawine hatte dann „dazu geführt, dass dieser See brach und das Wasser mit hoher Geschwindigkeit das Tal hinunterfloss“. „Der Klimawandel wird diese Ereignisse häufiger machen“, sagte Dobhal. Für die lokale Gemeinde in Uttarakhand riefen die Überschwemmungen traumatische Erinnerungen an die Kedarnath-Katastrophe von 2013 hervor, als ein mehrtägiger Wolkenbruch zu Erdrutschen und Überschwemmungen entlang Dutzender Flüsse führte und fast 6.000 Menschen ihr Leben verloren.

Nach Kedarnath stoppte der Oberste Gerichtshof die Freigabe aller Staudammprojekte im Staat, und ein Expertenausschuss kam später zu dem Schluss, dass die großen Staudämme eine Rolle bei der Verschärfung der Katastrophe spielten. Der lokale Aktivist Vimal Bhai von der Umwelt-NGO Matu Jansangthan arbeitet seit 33 Jahren an den Flüssen von Uttarakhand und war Teil des Kampfes gegen den Bau neuer Staudämme im Staat nach der Katastrophe von Kedarnath im Jahr 2013. „Wir haben jahrelang gesagt, wie diese riesigen Infrastrukturprojekte das Gebiet anfälliger und gefährlicher machen, aber niemand hat uns zugehört“, sagte Bhai. „Und jetzt ist wieder dasselbe passiert. Warum wird die Regierung nicht die Lehren aus der Vergangenheit ziehen?“

Glacier Burst and Climate Change. THE HINDU online, 7 Feb. 2021

Nanda Devi Glacier Burst and the Dhauli Ganga water level. THE HINDU online, 7 Feb. 2021

Bericht zur Katastrophe in Uttarakhand. THE GUARDIAN 8.2.2021

„Dams and damages“ (Comment). THE HINDU online, 10th February 2021

When the mountains had a melt down in Uttarkhand. THE HINDU online, 20th February 20221

Veröffentlicht von

Reiner's Journal

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