Eine Tagesschau vom 14.5.1010

Gleich live: Grundsteinlegung in Hildesheim

Stellen wir uns die „Tagesschau“ an einem Maitag im Jahr 1010 vor. Die Sendezentrale von Otto-TV ist in Magdeburg und der Moderator begrüßt die Zuschauer mit einem Überblick zur Innenpolitik. Es gab weiter Konflikte und Unstimmigkeiten zwischen seiner Majestät Heinrich II. mit dem Polenkönig an der Ostgrenze des Reiches. Zunehmend spielten auch Handelsinteressen Richtung Asien eine Rolle.

Der Sender schaltet dann zum Auslandskorrespondenten nach Hanoi. Er berichtet über den 36-jährigen Ly Thai To, Herrscher des Reiches Dai Co Viet. Der verlegt seine Residenz in die Festung Thang Long und dokumentiert so seine Machtbasis. Der Korrespondent in Hanoi beschreibt, wie Ly Thai To vom Dorfjungen bis in den Kaiserpalast aufgestiegen sei, durch Leistung und Tapferkeit. Im Hintergrund laufen Bilder vom Ausbau Thang Longs, bevor der Korrespondent, dessen Müdigkeit man dort um 2 Uhr morgens Ortszeit ansieht, zurück gibt an die Sendezentrale in Magdeburg.

Turm über dem Haupttor in Thang Long/Hanoi

Die hat von der Redaktion „Ausland“ eine zweite Schalte vorgesehen, diesmal nach Thanjavur in Südindien. Den Zuschauern im Reich zwischen Rhein und Oder wird erklärt, dass dort feine Stoffe und edle Gewürze gehandelt werden. Der Korrespondent in Thanjavur steht – kurz nach Mitternacht Ortszeit in Indien, dennoch immer noch glühend heiß – vor einem gewaltigen Turm im Innenhof einer Tempelanlage. Die ist von Fackeln hell erleuchtet, man hört Trommeln und Trompeten im Hintergund. Er berichtet über die Festlichkeiten zu deren Einweihung. Seine Majestät Rajaraja I. Chola hatte nach überragenden Erorberungen in Südindien, Sri Lanka und Übersee (Sri Vijaya in Süd-Sumatra) seinem Gott Shiva den größten Tempel seiner Zeit geweiht, mitten im Reisbauland des Kaveri-Deltas. Der Reporter beschreibt die Architektur, die Ausmaße und bemerkt augenzwingernd, mit welcher Anmut Dutzende bildhübscher Tempeltänzerinnnen die Feier begleiteten (die Zensur des Bischofs von Magdeburg erforderte, das die Zuschauer im Heiligen Römischen Reich nur verpixelte Aufnahmen zu sehen bekamen).

Der Moderator in Magdeburg ist sichtlich verlegen, kündigt schnell den nächsten Beitrag in der Sektion „Kultur“ an. Der Sender schaltet live nach Hildesheim, wo an diesem Frühlingsabend in feierlicher Prozession Bauern und Handwerker symbolisch Baumaterial an den Rohbau einer gewaltigen Kirche tragen. Hier auf einer Anhöhe über dem Fluss Innerste legt Bischof Bernward von Hildesheim höchst persönlich den Grundstein für den von ihm mitentworfenen Bau. Der Sender zeigt ein Modell der späteren Kirche, deren Bauzeit auf mindestens zehn Jahre veranschlagt ist.

Bauen können wir auch, kommentiert der Moderator in Magdeburg, bevor die Tagesschau im Mai 1010 mit einem Ausblick auf das Wetter für die Bauern in Mitteleuropa endet. Es bleibt warm und feucht, ideale Bedingungen für eine gute Ernte.

Die Gleichzeitigkeit von globalen Ereignissen, präziser die Berichterstattung darüber, ist für uns heute selbstverständlich. Wir erfahren in 15 Minuten alles Wichtige zwischen Berlin, Washington und Peking. Das Jahr 1010 A.D. ein gutes Beispiel für die Parallelität herausragender kultureller Leistungen. Tatsächlich hat die UNESCO im Jahr 2010 diese drei Tausendjahrfeiern gleichzeitg begangen.

In Abu Dhabi Louvre steht ein Reliquienbehälter aus St. Michael neben Silberarbeiten aus Südamerika und Bronzen aus Ostasien. In dieser „Lizenzausgabe“ des Pariser Originals wird der Besucher durch die Kultur der Jahrhunderte auf allen Erdteilen geführt. Er kann sich so ein Beispiel von parallelen Erungenschaften auf verschiedenen Kontinenten verschaffen.

Dieses Konzept kann sich ein Museum mit schier unbegrenztem Budget leisten. Bei uns wird in Museen oft eine eurozentrische Sicht von Geschichte und Kultur erzeugt. Aber der globale Blick auf historische Prozesse und Kulturgeschichte hilft den Blick für Gleichwertigkeit und Gleichzeitig zu schärfen. Er verhindert nationalen Chauvinismus und kulturelle Überheblichkeit.

1010 ist ein gutes Beispiel dafür. Hätte es doch nur das Fernsehen schon im Hochmittelalter gegeben.

Veröffentlicht von

Reiner's Journal

Frequent Traveler

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