1971-2021: 50 Jahre Bangladesh

Am 16. Dezember 1971 erklärte sich Bangladesh, das einstige Ostpakistan, für unabhängig. Voraus gegangen war ein monatelanger Kampf um die Selbstbestimmung der Bengalen im zweigeteilten Pakistan, in den auch Indien eingriff. Damit war ein Staat geboren, der nicht nur in einer der fragilsten geographischen Regionen auf dem Globus liegt, sondern dem viele voraussagten, für Jahrzehnte ein Brotkorb der Menschheit zu werden. Im Sommer 1971 initiierte George Harrison von den Beatles zusammen mit Ravi Shankar ein Wohltätigkeitskonzert für Flüchtlinge aus Bangladesh im New Yorker Madison Square Garden (die Plattenaufnahme dazu erschein vor fast genau 50 Jahren, im Dezember 1971).

Ein schon damals dicht besiedelter Agrarstaat im Delta zweier riesiger Ströme schien keine wirtschaftliche Überlebensperspektiven zu haben, auch wenn der Staat durch eine starke bengalische Identität über genügend gesellschaftliche Kohärenz verfügte. Politische Konflikte und Rivalitäten, ungeklärte Fragen für Minderheiten und eine komplizierte Grenzziehung, die schon in der Teilung Indiens 1947 angelegt war, all das schienen die pessimistischen Voraussagen zu bestätigen.

Fünfzig Jahre später präsentiert sich ein Land, das uns meist mit Katastrophenmeldungen von Fährunglücken oder Bränden in Textilfabriken in den Nachrichten präsentiert wird, mit neuem Stolz. Es hat eine erstaunliche Entwicklung „hingelegt“, aller Armut, die es noch gibt, zum Trotz. Es hat hunderttausende Flüchtlinge aus dem Nachbarland Myanmar aufgenommen und es hat keine imperialen Ambitionen. Es übersteht bislang glimpflich Naturkatastrophen, die diesen Winkel auf dem Erdball in besonderem Maße heimsuchen.

Der Videoclip unten wurde vor Kurzem publiziert, zur Melodie der Nationalhymne „Amar Sonar Bangla“ – Mein goldenes Bengalen, dem Text von Rabindranath Tagore.

Ich war von 1987 bis 1990 für das UN-Entwicklungsprogramm in Dhaka tätig und habe durch die bengalischen Mitarbeiter im UN-Büro, vielen lokalen Experten und Beratern, aber auch durch Besuche in unseren Projekten überall im Land einen Eindruck von Land und Leuten gewonnen. Die Fotos hier stammen aus meiner Zeit in Bangladesh.

Noch Mitte der 1980er Jahre schien Bangladesh ein hoffnungsloser Fall der Entwicklungshilfe, ja geradezu Sinnbild für deren Fehlentwicklung. Aber – so meine Hypothese – der lange Atem der internationalen Solidarität in Kombination mit der Resilienz und dem Pragmatismus der Bengalis scheint Erfolge zu zeigen.

Zwar hat die Bevölkerung seit 1987 um 65 Millionen Menschen – die Einwohnerzahl Frankreichs – zugenommen, die Bevölkerungsdichte ist mehr als fünfmal so hoch wie in Deutschland (in einem Agrarland im Delta großer Flüsse!), aber das BIP pro Kopf hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast versechsfacht.

Die Lebenserwartung ist zwar gestiegen, aber die Diskrepanz zwischen Männern und Frauen ist eher noch größer geworden. Dafür ist die Kindersterblichkeit stark zurück gegangen, ein Ergebnis von Bildung und Gesundheitssystem.

Mir ist klar, dies sind subjektive Bewertungen, zudem an nur wenigen ausgewählten Statistiken (frei zugänglich bei statista.com) illustriert. Aber geht man in den Dezember 1971 zurück, dann sind dies erstaunlich ermutigende Indizien, dass Bangladesh – mit immerhin mehr Einwohnern als Deutschland und Frankreich zusammen – auf eigenen Füßen stehen kann.

Wer das Land und seine Menschen kennen lernt, wird überrascht sein über den Lebensmut und die Tatkraft der Bengalis. Die überbordende landwirtschaftliche Fruchtbarkeit des Landes mag viele soziale Gegensätze übertünchen, aber ihr „goldenes Bengalen“ wollen die wenigsten seiner Bewohner eintauschen.

Bhasan Char – eine Sandbank für Flüchtlinge

Man stelle sich vor: Dein Dorf wird von Banditen abgebrannt, möglicherweise im Auftrag von Behörden. Du kannst mit Familie und etwas Hab und Gut in das Nachbarland fliehen, zu Fuß durch Schlamm und ein Flussbett. Zum Glück ist die Grenze nur wenige Dutzend Kilometer entfernt. Auf einem schmalen Landstreifen zwischen Landesgrenze und Meer lassen sich mehrere hundertausend Mitfliehende nieder. In wenigen Wochen entsteht eine Siedlung mit der Einwohnerzahl von Frankfurt am Main.

Das Gastland ist schon mit dem Wohlergehen seiner 150 Millionen Einwohner ausgelastet, wenn nicht überfordert. Den Flüchtlingen können daher nur internationale Hilfsorganisationen beistehen. Der Zufluchtsort liegt in einem entfernten, peripheren Teil des Landes. Zum Glück gibt es einen Flughafen und einen Seehafen nicht sehr weit entfernt.

Die internationale Diplomatie arbeitet an vielen Fronten: die Schuldigen für die Fluchtbewegung zu identifizieren, die Hilfe zu koordinieren und auf multilateraler Ebene mit der Regierung des Landes, aus welchem die Menschen geflohen sind, über eine Rückkehr zu verhandeln.

So geschehen mit den Rohingyias aus Myanmar, die vor drei Jahren nach Bangladesh geflohen waren. Aber internationale Verträge hin oder her, die Angst der Flüchtlinge vor einer Rückkehr und das Trauma der Vertreibung ist größer als die Furcht vor einem Leben in Lagern. Dennoch wird das Provisorium nicht nachhaltig sein können: Infrastruktur und Jobangebote fehlen ebenso, wie adäquate Bildungseinrichtungen. Die Gesundheitsversorgung in den Lagern kann bestenfalls notdürftig sein.

Die Insellösung

Dann kam irgendjemand auf die Idee, aus dem Provisorium einen Dauerzustand zu machen, Geld spielt dabei keine Rolle. Wenn nur die Flüchtlinge vor Ort versorgt sind – und dort bleiben.

 

Bangladesh liegt in einer Weltregion, die kartographisch jedes Jahr neu vermessen werden müsste. Die ungeheuren Wassermassen des Monsuns und der drei Riesenströme, die im Land zusammentreffen und das größte Delta der Erde bilden, formen das Land immer wieder neu: Flussufer samt Feldern und Dörfern verschwinden, neue Inseln entstehen. Am Ende der Erosionskette lagern die Sedimente sich in neuen Inseln aus feinstem Schlick ab, fruchtbar ohne Ende, aber auch fragil ohne Ende. Sie erheben sich nur weniger Dezimeter, vielleicht einen guten Meter aus dem Golf von Bengalen.

Genau hier, auf Bhasan Char, einer der jüngsten Schlickinseln im Delta, sollen die Flüchtlinge aus Myanmar angesiedelt werden. Buchstäblich aus dem Schlamm wurde in zwei Jahren eine ganze Stadt gestampft. Satellitenbilder zeigen die Bebauung wie ein Mosaik, inzwischen sogar mit Solarzellen auf den Dächern. Klingt gut, auch für die meisten Menschen in Bangladesh, für die eine Bambushütte die Standardwohnung ist. Aber man sollte genauer hinschauen.

In den späten 1980er Jahren wurde Bangladesh in der gerade beginnenden „Klimawandel“-Diskussion als Kronzeuge für die Vulnerabilität hunderter Millionen Menschen bei steigendem Meeresspiegel und zunehmenderen Wetterkatastrophen benannt. Dabei waren die Menschen im Ganges-Brahmaputra-Delta wesentlich resilienter als gedacht. Aus jahrhundertelanger Erfahrung: die Besiedlung und Bewirtschaftung einer so gefährlichen, aber mit unendlicher Fruchtbarkeit ausgestatteten Region war immer ein Risiko. Überschwemmungen und Zyklone aus dem Golf von Bengalen nichts Unbekanntes. Zwar haben starkes Bevölkerungswachstum und objektiv zunehmendere Gefährdungen durch Ersoion und Zyklone die Verwundbarkeit von Bangladesh erhöht, aber mit technischen Maßnahmen wie Frühwarnsystemen, Evakuierungsplänen und Familienplanung ließen sich diese Gefahren zumindest begrenzen (Neudeutsch: mitigieren).

Auf Bhasan Char soll den Rohingyias alles geboten werden, was „moderne“ Flüchtlingspolitik hergibt (Moria lässt grüßen). Ein solides Dach über dem Kopf und sogar erhöhte Gebäude als Zufluchtsort bei Stürmen. Ein Graben umgibt die Siedlung. Aber all dies nur wenige Dezimeter über dem Meeresspiegel? Wir diskutieren gerade Anstiege von mehr als einem Meter in kürzester Zeit  – von Bhasan Char bis zur Antarktis kann man eine gerade Linie durchs Wasser ziehen!

Die Lage der Rohingyias, in Pandemiezeiten sowieso unter „ferner liefen“, zeigt, wie überfordert die Menschheit mit Krisen wie der in Myanmar ist. Das ist kein Vorwurf, sondern eine nüchterne Feststellung. Unsere Empathie hat Grenzen, die beginnen schon auf Lesbos. Und alles Geld der Welt kann nicht bewegen, was eine vertrauensvolle, gerechte, transparente Politik leisten könnte.

Die ist in weit entfernten Regionen, in denen diktatorische oder mit zweifelhafter Legitimität ausgestattete Regime die Oberhand haben, nicht absehbar. Aktueller Populismus und „My Country First“ tragen ein Übriges dazu bei, Grenzen buchstäblich zu befestigen und den Blick abzuwenden. Pech für die Opfer.

Langfristige Lösungen oder doch Zynismus?

Tatsächlich gibt es schnelle Lösungskonzepte für die Krisen dieser Welt nicht. Schnell geht nur Bhasan Char. Militärische Interventionen, wie 2001 (Afghanistan) oder 2003 (Irak), haben nur noch mehr Unheil angerichtet. Andererseits, interne Milizen stellvertretend an die Front zu schicken, wie ab 2011 in Syrien oder Libyen, haben jene Länder zerstört und wiederrum eine Flüchtlingswelle ausgelöst.

Die Lösungen liegen auf dem Tisch: massiver wirtschaftlicher Druck, Ächtung von Waffenhandel und Kontrolle illegaler Finanzströme. Banker, Waffenproduzenten, Aufsichtsbehörden, strenge Gesetze und internationale Kooperation von Politik und Zivilgesellschaft können Krisen frühzeitig erkennen und moderierend eingreifen. Das wäre eine auf Jahrzehnte angelegte Strategie, die Geduld und Zähigkeit erfordert. Aber wer hat die schon in einer atemlosen Mediengesellschaft, bei der Krisen bestes Mittel sind, um über Clicks die Werbeeinnahmen zu steigern.

Wir werden ganz sicher von den Menschen auf Bhasan Char noch hören.

Weitere Informationen:

Human Rights Watch online, 14 March 2019

http://xchange.org/rohingya-refugees-in-bangladesh-the-bhasan-char-relocation-project/

Dhaka Tribune online, 3 March 2019

Relocating Refugees (with video). The Hindu online, 18 December 2020

Inside the controversial refugee camp. THE GUARDIAN online 11 January 2021