Wiedersehen mit Suroto

Nachtrag am 5.1.2021: Die Warnstufe am Merapi ist weiterhin auf Level 3, der zweithöchsten (siehe Link Merapi Monitoring). Das Foto stammt vom gleichen Abend, der Vulkan spukt Lava Richung Südwesten.


Acht Jahre nach unserem ersten Treffen bei der Besteigung des Merapi in Zentraljava traf ich Suroto wieder. Im Juli 2011 hatte er meinen Rucksack getragen und mich behutsam entlang der tiefen Rinnen an den Flanken des Vulkans und zurück in sein Heimatdorf Selo geleitet. In der Nacht unserer Klettertour hatte er am Lagerfeuer gewacht, als mich 500 Höhenmeter vor dem Kraterrand der Schlaf übermannte. In der Morgendämmerung servierte er heißen Kaffee und reichte dazu ein Stück Kuchen.

Im Juli 2019 bot sich die Gelegenheit zu einem Wiedersehen. Über eine Suchmaschine fand ich ihn im Internet. Der Kontakt kam über seine Agentur in Yogyakarta zustande und wir verabredeten uns in seinem Haus in Selo. Unser Taxifahrer kannte Suroto gut und erzählte uns auf der kurvenreichen Fahrt hoch vom Borobodur-Tempel aus von seiner langen Bekanntschaft mit ihm. Er bog von der Hauptstraße ab und parkte das Auto in der Einfahrt vor jenem Haus, an das ich mich gut erinnerte. Von hier hatte damals an Mitternacht die Wanderung begonnen.

Und dann standen wir vor ihm. Immer noch macht der jetzt 47-Jährige Bergtouren. Da der Merapi von der Regierung seit 2018 gesperrt ist, begleitet er jetzt Touristen auf den gegenüber liegenden Merbabu. Aber er hat fast die Hälfte seiner Touren eingebüßt. Seit er 20 ist, hat er den Merapi bestiegen. Manchmal fast täglich. Jetzt sagt er, macht er maximal eine Besteigung pro Woche. Wir bitten ihn, uns ein wenig vom Dorf, seiner Arbeit und vom Vulkan zu erzählen. Bei dem großen Ausbruch im Jahr 2006 hatten sich die Bewohner Selos nur widerwillig evakuieren lassen. Immer wieder kamen alle zurück ins Dorf, um Haus und Vieh zu versorgen. Im Herbst 2010 aber war der Ausbruch so heftig, dass die Dörfler sich den Anweisungen der Behörden fügten. Bei der Rückkehr mussten sie Ascheschichten von den Dächern fegen. Zum Glück für Selo war der Ausbruch Richtung Süden erfolgt, hatte damit aber die MIllionenmetropole Yogyakarta bedroht.

Suroto erzählt, dass kaum einer nachts schlafen könne, wenn der Merapi aktiv sei. Denn die größte Angst sei die vor pyroklastischen Strömen. Tagsüber könne man sie immerhin frühzeitig sehen. Verlässlich seien vorallem die Tiere. Sie scheinen zu erahnen, wenn der Vulkan rumort. Greifvögel etwa würden vom oberen Plateau hinunter kommen und über dem Dorf kreisen. Das sei für ihn Anzeichen eines bevorstehenden Ausbruchs.

Wir spazieren die Dorfstraße entlang. Selo hat sich seit meinem Besuch von 2011 gewaltig entwickelt: ein neuer Supermarkt wurde gerade eröffnet, überall gib es jetzt Geldautomaten. Die Hauptstraße ist ausgebaut und auf dem gegenüberliegenden Hang hat die Regierung den Bau von „Homestays“ gefördert, wo Touristen günstige und „authentische“ Übernachtungsmöglichkeiten finden. Weiter bergan wurde ein Blumenpark angelegt, inklusive Selfie Corner. Von hier oben geht der Blick über den Sattel zwischen beiden Vulkanen an den Nordabhang des Merapi. Sein Gipfel ist in Wolken gehüllt, so das der Berg mit seinem grünen Hang wie ein freundliches Mittelgebirge wirkt. Das helle Grün markiert terrassierte Tabakfelder. Die Böden auf der Vulkanasche liefern Tabak von höchster Qualität – mich erinnert das an das Zigarettendrehen in unserer Studentenzeit, wenn eine Packung „Javaanse Jongens“ aus den Jackentaschen gezogen wurde. Auch Suroto ist Tabakfarmer. Die Bauern verkaufen die Blätter über eine Genossenschaft und erzielen gute Preise, sagt er.

Aber die Region leide unter Trockenheit. Der fruchtbare Boden auf Java und besonders hier in Selo, dazu das milde Klima auf knapp 1000 m Höhe, macht jeden Quadratmeter wertvoll für Gemüseanbau: Brokkoli, Kohl, Möhren, Zwiebeln, Tomaten liefern ein Zusatzeinkommen und werden direkt am Markt verkauft. Aber viele Pflanzen vertrocknen derzeit.

Suroto hat zwei Töchter, die älteste studiert schon. Er ist mit seinem Leben zufrieden und würde lieber noch häufiger wieder den Merapi besteigen. Bei der Rückkehr zu seinem Haus bedankt er sich nochmals für unseren Besuch. Er könne es kaum fassen, dass ich mich im fernen Deutschland an ihn erinnert habe. Aber wir sind es, die zu danken haben, diesem warmherzigen Mann, mit dem wir am liebsten gleich heute wieder eine Wanderung auf den Merbabu gemacht hätten.

Weitere Informationen:

Webseite zu Merapi-Touren mit Pak Suroto

Über den Merapi bei Wikipedia

Evakuierungen am Merapi. Straits Times (Singapore) online, 30 November 2020

Veröffentlicht von

Reiner's Journal

Frequent Traveler

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