Florida – Trump-Country?


Der Loser von 2020 hat sich nach Florida zurückgezogen. Der Staat hatte ihm 29 Stimmen im Electoral College geschenkt, bei nur und 51,2 % aller für den Republikaner abgegebenen Stimmen. Aber bem Winner takes all-System der USA kann man leicht übersehen, dass es innerhalb der Bundesstaaten regionale Unterschiede gibt.

Wahlergebnisse 2020 nach counties

Der Mar-a-Lago Club liegt auf einer Landzunge vor der Küste im Palm Beach County: Hier führte der demokratische Kandidat mit 56,1 % der Stimmen, im südlich benachbarten Broward County erhielt Biden sogar zwei Drittel aller Stimmen. Home sweet home. Der ländliche Raum des Bundesstaates aber ist republikanisch, wie überall in den USA.

Florida stand für uns in den 1990er Jahren für „Flipper“, „Golden Girls“ und „Miami Vice“. Stretched limousines, Strände, The Magic Kingdom, der Weltraumbahnhof Cape Caneveral und die Everglades machten den Bundesstaat zum bevorzugten Reiseziel vieler europäischer Touristen (ein Freund aus Massachusetts konnte das nicht verstehen: „Who on earth goes to Florida?“ fragte er einmal verwundert).

Startrampe für ein Space Shuttle

Wir mieteten uns die größten Autos, die es gab (Towncar oder Mustang) und genossen die Fahrten über die Interstates zwischen Atlantik und Golf von Mexiko.

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Aber das Bild bröckelte, als ich Philip und seine Familie kennen lernte. Phil war ein humorvoller Typ, stämmig, mit Schnautzer und Baseball-Mütze. Er arbeitete als Lastwagenfahrer für eine Entsorgungsfirma („My Dad ist a garbarge truck driver„, meinte sein damals fünfjähriger Sohn). Seine Frau Leslie half zeitweise ihrer Mutter in einer Bar an der country road. Mit Phil hatte sie zwei kleine Jungs, einen älteren hatte sie aus erster Ehe mitgebracht. Das Paar besaß ein Haus am Rand von Fort Meade, Polk County (hier erhielt Trump 56,7 % der Stimmen), etwa 60 km östlich von Tampa.

Die drei Jungs waren Phils ganzer Stolz. Der Mittlere, Cody, gewann einmal den Spelling Bee contest. Im Garten stand ein Riesengrill. Phil fragtre viel und beklagte sich, dass die Familie seiner Frau republikanisch wählte und andauernd Fox News schaue. Seine Familie hingegen war liberaler und wohnte in Winter Haven weiter nördlich Richtung Orlando gelegen. Wir sprachen über Waffengesetze, Phil hatte einen ganzen Waffenschrank. „Braucht man hier, wegen der Gators“, meinte er lakonisch. Alligatoren waren tatsächlich in jedem Wassergraben zu finden.

Wir sprachen über Geld, Arbeitszeit (er konnte es nicht glauben, dass wir einfach mal für eine Woche nach Florida kamen, in bezahltem Urlaub) und Arbeitnehmerrechte. Florida sei ein Right to work state. Was gut klingt, verbirgt, dass dahinter eine Einschränkung  gewerkschaftlicher Organisation steht. Du hast das Recht zu arbeiten, musste aber nicht, wenn es Dir nicht passt! So kamen bei Phil regelmäßig unbezahlte Überstunden zusammen, bei max. zwei Wochen Urlaub im Jahr (Krankheitstage einbezogen).

Und schon sahen die gepflegten Gärten und lawns, die gated communities und die ‚no tresspassing‘-Schilder an den Stränden ganz anders aus.

Nur sechs Wochen nach 9/11 flogen wir in einer leeren Maschine der frisch insolventen Swissair nach Miami. Die Situation war gespenstisch, am Flughafen Militär und Panzerwagen an jeder Ecke. Wir besuchten die Familie in Fort Meade, wie alle Amerikaner waren sie und ihre Freunde sichtlich geschockt von den Angriffen in New York. Phil lud uns abends in die Bar seiner Schwiegermutter im Nachbarort ein, wo die Rednecks mit der „Rebel flag“ feierten, wie er sagte. Das kam uns damals noch recht rustikal und authentisch vor, zumal alle super freundlich zu uns waren. Es gab Karaoke. Phil war ein guter Sänger und ging auf die Bühne – „for a patriotic song“, wie er sich entschuldigte. Hinter ihm lief der Film mit patriotischem Bildern ab, irgendwie ging der Refrain „for ever USA„. In den stimmten alle ein.

Es war berührend und zugleich beklemmend, wie hier die nach unseren Maßstäben Armen (aus der weißen Mittelschicht, zu der sich Phil zählte) in einem Schuppen an der Landstraße im Süden Floridas ihr Land feierten. 15 Jahre später wählten sie einen Reality Star aus New York ins Weiße Haus. F$$ck!

Trump A Florida Man. Washington Post 21 January 2021

Veröffentlicht von

Reiner's Journal

Frequent Traveler

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